Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
blicken; denn der Stern, der die Bahn läuft, steht keines Augen 
blicks Dauer still. Mit dem Auge erblickt kann nur werden, 
was mehr als eines Augenblicks Dauer hat; erst der durch 
seine Verewigung stillgelegte Augenblick erlaubt den Augen, 
die Gestalt in ihm zu erblicken. Die Gestalt ist also das mehr 
als Elementare, mehr als Wirkliche, das unmittelbar Anschau 
liche. Solange wir nur Bahnelemente und Bahngesetz eines 
Sterns kennen, haben ihn unsre Augen noch nicht gesehn; 
er ist bloß ein materieller Punkt, der sich im Raume bewegt. 
Erst wenn ihn Fernrohr und Spektralapparat uns heranholen, 
kennen wir ihn, wie wir ein Gerät unsres Gebrauchs, ein Bild 
in unserm Zimmer kennen: in vertrauter Anschauung. Erst im 
Anschaulichen vollendet sich die Tatsächlichkeit; da hört man 
nichts mehr von Sache noch von Tat. 
Was angeschaut werden kann, ist der Sprache überhoben, 
über sie hinausgehoben. Das Licht redet nicht, es leuchtet. 
Es verschließt sich mit nichten etwa in sich selbst; es strahlt 
ja nicht nach innen, sondern nach außen. Aber sein Ausstrahlen 
ist auch nicht ein Sichselberpreisgeben, wie es die Sprache ist; 
das Licht verschenkt, veräußert sich nicht wie die Sprache, 
wenn sie sich äußert, sondern es ist sichtbar, indem es ganz 
bei sich selber bleibt; es strahlt eigentlich nicht aus, es strahlt 
nur auf; es strahlt nicht wie ein Brunnen, sondern wie ein 
Antlitz, wie ein Auge strahlt, das beredt wird ohne daß sich 
die Lippen zu öffnen brauchen. Hier ist ein Schweigen, das 
nicht wie die Stummheit der Vorwelt noch keine Worte hat, 
sondern das des Worts nicht mehr bedarf. Es ist das Schwei 
gen des vollendeten Verstehens. Ein Blick sagt da alles. Daß 
die Welt unerlöst ist, nichts lehrt es deutlicher als die Vielzahl 
der Sprachen. Zwischen Menschen, die eine gemeinsame 
Sprache sprechen, genügt wohl ein Blick, um sich zu verstän 
digen; sie sind, grade weil sie eine gemeinsame Sprache haben, 
der Sprache überhoben. Aber zwischen verschiedenen 
Sprachen vermittelt nur das stammelnde Wort, und die Ge 
berde hört auf, unmittelbare Verständigung zu sein, wie sie 
es im stummen Blick des Auges war, und wird zerstört zum
        

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