Full text: Der Stern der Erlösung

VOM REICH 
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— wie kriege ich einen gnädigen Gott — sind die Teile des 
Teils, die in ihrer Zusammensetzung ihn zum Unteilbaren 
machen, jeder für sich lebendig geworden. Im Gebet des so 
»Individuum«, nämlich Ganzes aus Leib und Seele, gewordenen 
Menschen um das, was er schon besitzt, das eigene Schicksal, 
wird nun auch dieses ganze Einzelne als solches belebt; es 
bettet sich ein in Alles und hört dabei doch nicht auf, Einzelnes 
zu sein. Wo dies Gebet gesprochen wird, da ist jene Lebendig 
keit des geschöpflichen Lebens angebrochen, die dies Leben 
unmittelbar reif macht für den Einbruch des ewigen göttlichen 
Lebens. 
Denn indem jenes Gebet gesprochen wird, macht es ein 
Stück Leben reif zur Ewigkeit. Es macht es nicht selbst schon 
ewig, es macht es nur lebendig; insbesondere Goethe ist ein 
Heide geblieben sein Leben lang, und daß er es geblieben ist, 
bezeichnet seine weltgeschichtlicheScheidestellung, die er selbst 
unbefangen in jenem Wort ausspricht, von dem wir her- 
kommen. Dies ists, was ihm keiner nachmachen kann ohne 
den Hals zu brechen. Goethes Leben ist wirklich eine Kamm 
wanderung zwischen zwei Abgründen; er hat es fertig ge 
bracht, keinen Augenblick seines Lebens den Boden der wohl 
gegründeten dauernden Erde unter seinen Füßen zu verlieren. 
Jeder andre, den nicht die Arme der göttlichen Liebe 
ergriffen und ihn den Flug ins Ewige tun ließen, würde mit 
Notwendigkeit in einen der beiden Abgründe stürzen, die zu 
beiden Seiten des Grates gähnen, zu dem doch jeder fortan um 
der Lebendigkeit des Lebens willen hinansteigen muß. Die 
Frömmigkeit des Gebets zum eigenen Schicksal grenzt unmit 
telbar an das Gebet des Sünders, der sich alles zu beten erlaubt 
wähnt, und des Schwärmers, der um des fernen Einen, was ihm 
der Augenblick des Gebets als notwendig zeigt, alles außer 
diesem Einen, alles Nächste, sich verboten meint. In keinen 
dieser beiden Abgründe ist Goethe ausgeglitten; er kam durch 
— »machs einer nach!« Ein Bildtäfelchen ist auf dem Kamme 
errichtet; es schildert an Zarathustras Nieder- und Untergang, 
wie man ein alle alten Tafeln zerschlagender Immoralist und
        

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