Full text: Der Stern der Erlösung

36o DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
wieder nur in einer Neubelebung der alten Kirchen, und hier 
allerdings, aus dem ewigen, von Haus aus gotteskindlichen Volk 
der Hoffnung, strömt unmittelbar die Grundkraft der neuen 
vollendeten Welt, die Hoffnung, den in Liebe und Glaube mehr 
als in der Hoffnung geübten christlichen Völkern zu, und weil 
diesmal, statt daß der Christ einen Heiden bekehren müßte, 
der Christ unmittelbar sich selber, den Heiden in sich, bekehren 
muß, so ist es in dieser beginnenden Erfüllung der Zeiten wohl 
der in die christliche Welt aufgenommene Jude, der den Heiden 
im Christen bekehren muß. Denn nur im jüdischen Blute lebt 
blutmäßig die Hoffnung, deren die Liebe wohl gern vergißt, 
der Glaube entbehren zu können meint. Aber auch solche Be 
kehrung geschieht innerhalb der alten Kirchen. Die Johannes 
kirche selbst nimmt keine eigene sichtbare Gestalt an. Sie 
wird nicht gebaut; sie kann nur wachsen. Wo gleichwohl ver 
sucht wird, sie zu bauen, wie in der Freimaurerei und allem was 
dieser verwandt ist, da ist den lebendig in ihr fortwirkenden 
Kräften des Glaubens und der Liebe der Eintritt versperrt, die 
nur vor den Altären und Kanzeln der alten Kirchen ihr tagtäg 
liches Brot des Lebens finden; nur die Hoffnung, die sich von sich 
selber nähren kann, darf in den freigemauerten Neubau, der in 
einer bedeutsamen Verwechslung nicht dem Apostel Johannes, 
sondern seinem vorchristlichen Namensvetter geweiht wurde, 
hinein; aber ohne andern Inhalt als sich selber verblaßt sie zur 
grenzenlosen leeren Selbstbespiegelung eines öde kraftlosen 
»Ich hoffe — immerfort weiter zu hoffen« und fällt, auch wenn 
sie die Wahrheit in Gottes Rechten weiß, demütig in seine 
Linke. 
In dieser gestaltlosen, notwendig unverfaßten und deshalb 
der verfaßten Kirchen stets bedürftigen Johanneskirche ist 
Goethe der erste ihrer Väter, obwohl er doch für einen Heiden 
gelten mußte — und es auch war. In seinem Gebet zum eigenen 
Schicksal, das nun alle Welt ihm nachbetet, vollendet sich die 
Belebung des Toten, welche die unerläßliche Vorbedingung 
seines Ewigwerdens ist. In den Gebeten des Leibes um Liebe 
— Gott sei mir Sünder gnädig —, der Seele um Glauben
        

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