Full text: Der Stern der Erlösung

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ERSTER TEIL: EINLEITUNG 
wenn hier Ableitung vorliegen soll, dann noch eher die des 
Seins vom Dasein, als die in den ontologischen Beweisen 
immer wieder versuchte Ableitung des Daseins vom Sein. Es 
ist die Schellingsche Spätphilosophie, in deren Bahn wir uns 
mit solchen Betrachtungen bewegen. 
Aber mit diesem natürlichen Element in Gott, das ihm erst 
die wahre Selbständigkeit gibt gegen alles Natürliche außer 
ihm — denn so lange Gott nicht seine Natur in sich schließt, 
ist er letzthin wehrlos gegen die Ansprüche der Natur, ihn in 
sich zu schließen —, mit diesem Natürlichen in Gott also ist 
der Inhalt des metaphysischen Gottesbegriffs noch nicht ganz 
umschrieben. So wie der metaethische Begriff des Menschen 
nicht darin erschöpft ist, daß er sein eigenes Ethos, noch der 
metalogische Weltbegriff darin, daß sie ihren eigenen Logos 
in sich hat, so wenig der metaphysische Gottesbegriff darin, 
daß Gott eine — seine — Natur hat. Sondern so wie beim 
Menschen erst das, seis trotzige, seis demütige, seis selbst 
verständliche Aufsichnehmen dieser seiner ethischen Erbschaft 
und Be=gabung ihn zum Menschen rundet: und wie bei der 
Weit erst die Fülle und Verzweigtheit und Unaufhörlichkeit 
ihrer Gestalten, nicht schon ihre Denkbarkeit durch den welt 
eigenen Logos, die Welt zur kreatürlichen Welt machen: so 
wird auch Gott nicht schon dadurch lebendig, daß er seine 
Natur hat. Sondern es muß noch jene göttliche Freiheit hin 
zukommen, die wir mit Worten wie jenem danteschen »dort, 
wo man kann, was man will« oder dem goetheschen Getansein 
des Unbeschreiblichen beinahe mehr verhüllen als erleuchten; 
erst indem dies Etwas als das eigentlich Göttliche hinzu 
kommt. verwirklicht sich Gottes Lebendigkeit. Wie wir für 
Gottes »Natur« auf Schelling weisen durften, so können wir 
für Gottes »Freiheit« den Spuren Nietzsches folgen. 
Einen Atheismus wie den Nietzsches hatte die Geschichte 
der Philosophie noch nicht gesehen. Nietzsche ist der erste 
Denker, der Gott — nicht verneint, sondern recht eigentlich 
nach dem theologischen Gebrauch des Wortes: ihn »leugnet«. 
Noch genauer: der ihm flucht. Denn einen Fluch, gewaltig
        

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