Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
mehr verweltlichten Welt; je größer die Spannung zwischen 
beiden, um so wohler fühlte sich dieser Protestantismus, der 
am Ende diesen wechselseitigen Protest des Glaubens gegen 
die Welt, der Welt gegen den Glauben zu seinem Hauptstück 
erhub. Mit andern Worten: die neue Kirche verzichtete auf 
die Tat, die recht eigentlich die höchste Tat der alten gewesen 
war und es grade jetzt im Gegensatz zu der neuen wieder 
wurde: auf die Mission. Als zum ersten Mal von einer im 
Luthertum gewachsenen Richtung das Werk der Heidenbekeh 
rung aufgenommen wurde, da war es das Zeichen, daß hier, im 
Pietismus, etwas Neues heraufzog. Die Sterbestunde des alten 
Protestantismus war eingeläutet. 
Leib und Seele waren noch geschieden; jedes blieb dem 
andern etwas schuldig, der Seele der Leib ihre Wahrheit, dem 
Leib die Seele seine Wirklichkeit. Der ganze Mensch war 
beides und mehr als beides. Und solange nicht der ganze 
Mensch, sondern immer nur ein Teil von ihm bekehrt war, so 
lange war die Christenheit noch in der Vorbereitung, noch 
nicht am Werk selber. Der Mensch ist Mikrokosmos; was 
innen ist, ist außen. Über Leib und Seele wölbt sich, höher als 
beide, von beiden getragen, das Leben. Das Leben nicht als 
Leben des Leibes oder der Seele, sondern als etwas für sich, 
das Leib und Seele in sich, in sein Schicksal hineinreißt. Das 
Leben ist der Lebenslauf. Das eigentliche Wesen des Menschen 
ist weder in seinem leiblichen noch in seinem geistigen Sein, 
es vollendet sich erst im ganzen Ablauf seines Lebens. Es ist 
überhaupt nicht, es wird. Das Eigenste des Menschen ist eben 
sein Schicksal. Leib wie Seele hat er noch irgendwie mit 
andern gemein; sein Schicksal hat er für sich selber. Das 
eigene Schicksal ist zugleich Leib und Seele, es ist das, was 
man »am eigenen Leibe — erfährt«. Zugleich, indem es den 
Menschen in sich selber eins macht, einigt es ihn doch auch 
mit der Welt. Er hat es nicht mit der Welt gemein, wie doch 
sein Leib Teil der geschaffenen Welt, seine Seele Miterbin 
der göttlichen Offenbarung ist; aber er hat es ganz in der 
Welt; er ist in der Welt, indem er es hat. Er wächst in die
        

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