Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
gegen heidnische Philosophie war ihre Waffe stumpf. Die 
Schließung der Philosophenschulen in Athen durch die christ 
lich gewordene Obrigkeit bezeichnet das Ende der kirchlichen 
Antike und den Beginn des kirchlichen Mittelalters, oder an 
ders gesagt: das Ende der Patristik und den Beginn der Scho 
lastik. Denn von da an ist die heidnische Antike für die Kirche 
ein gespenstisch ungreifbarer und doch höchst farbig sicht 
barer, gewissermaßen wandgemäldehafter Gegner geworden, 
den siegreich zu bekämpfen die Kraft der Tat — und das ist 
die Kraft der Liebe — nicht ausreicht. Wie könnte wohl ein 
Bild durch Liebe bekehrt werden! es hat ja kein Leben. Soll 
es bekehrt werden, so muß es zuvor von ganz eingenom 
menem Auge aufgenommen, von ganz fassungsloser Seele er 
faßt werden; erst die so zur Ketzerin gewordene Seele — sie 
kann alsdann sich zum Glauben bekehren. Die mittelalterliche 
Scholastik hatte vor dem Bild an der Wand einen Vorhang 
zum Auf- und Zuziehen angebracht; denn nichts andres war 
jener bedenklichste — grade im christlichen Sinne bedenk 
lichste, weil missionshemmende — Gedanke einer zwiefachen 
Wahrheit, einer Wahrheit der Vernunft gegenüber der Wahr 
heit des Glaubens. Erst als die gemalten Gestalten von der 
Wand herniederstiegen und sich als lebendige Erinnerungen 
des Heidentums unter das christliche Volk mischten, erst da 
wuchsen der Kirche wieder die Kräfte der Liebe gegen sie. 
Aber weil diese Neuheiden doch nur Neu=Heiden waren, 
Heiden in einer schon christlichen Welt, erinnerte Heiden also 
in einem schon christlichen Außen, heidnische Seelen in einem 
christianisierten Weltleib, so mußte die Kraft, die sie zu be 
kehren sich unterwand, eine Kraft sein, die nicht mehr, wie die 
Liebe, aus der Seele allein in ein leibliches Außen wirkte; es 
mußte eine Kraft sein, die in der Seele selbst an der Seele tätig 
war. Eine innere Tätigkeit also der Seele an sich selber, eine 
Selbstbekehrung des Menschen, die von der Welt ab=sah, um 
dafür die Seele und allein die Seele, die einsame Seele, die 
Seele des Einzelnen zu gewinnen ohne alle Welt.
        

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