Full text: Der Stern der Erlösung

VOM REICH 
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Band, das ihn, wie die Mutter Kirche selbst, mit dem Schick 
sal der Welt verknüpft, ist die Liebe. In der Liebe des Mis 
sionars zu denen, die noch im Finstern sitzen, geschieht das 
Hinausrücken der äußeren Grenzen, die Erweiterung des 
äußeren, sichtbaren Baus; im sichtbaren Opfer des frommen 
Werks, in der sichtbaren Spende der leiblichen wie der geist 
lichen Wohltat ist es auch im Innern der Kirche die Liebe, die 
den Menschen mit ihr und dadurch mit dem Ganzen verbindet. 
So schafft die petrinische Kirche einen sichtbaren Leib, sich 
selber zunächst und den Menschen, die ihre Glieder sind und 
sofern sie ihre Glieder sind; doch weiterhin auch der Welt 
draußen, die sie stufenweise durchgestaltet und durchwaltet, 
in der Einheit des Kaisertums über den Königtümern der Na 
tionen; im Bau der Stände und Berufe über den Einzelnen 
gliedert sie schließlich auch den Menschen, sofern er noch 
draußen ist und draußen bleibt, sich an und damit doch eben 
falls sich ein. Scheint da nicht die Bedingung der Möglichkeit 
christlichen Lebens erfüllt? Was bedarf es noch weiter? In 
allem, was er tun mag, ist der Mensch eingefügt in das Ganze 
der Welt, das Schicksal seiner Tat mit dem Schicksal aller 
Welt unlöslich verknotet. Das Schicksal seiner Tat wohl, nicht 
aber das Schicksal seines Gedankens. 
Denn die römische Kirche hatte zwar die leibliche Welt 
der lebendigen Völker durchdringen und sich im Kampf gegen 
das andrängende Heidentum des Halbmonds in siegreichem 
Gegenangriff behaupten können; hier schuf sie sich wirklich 
ihre eigene, ihre neue Welt. Aber gegen das innere, genauer 
das erinnerte Heidentum, den heidnischen Gedanken in der 
Gestalt der Erinnerung, war sie auf die Verteidigung be 
schränkt geblieben. Nur in den ersten Anfängen, bis zum Aus 
gang der Patristik, also genau so lange als der heidnische Ge 
danke noch nicht bloße Erinnerung war, sondern noch leben 
dige Äußerung, hatte sie ihn angriffsweise überwältigt. Aber 
so sieghaft kühn wie Augustin wagt kein Scholastiker des 
Mittelalters mit der Weisheit der Hellenen umzuspringen. Mit 
heidnischen Philosophen zu kämpfen war die Liebe kräftig; 
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