Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
Erlöser, sondern auch Erlöster, die Erlösung also ihm Selbst 
erlösung ist, jede Vorstellung eines zeitlichen Werdens, wie 
sie eine freche Mystik und ein hochtrabender Unglaube ihm 
gern andichten, von seiner Ewigkeit ab. Nicht er selbst für 
sich selbst, sondern er als Erlöser von Welt und Mensch 
braucht Zeit, und nicht weil er sie braucht, sondern weil 
Mensch und Welt sie brauchen. Denn für Gott ist die Zukunft 
keine Vorwegnahme; er ist ewig und der einzige Ewige, der 
Ewige schlechtweg; »Ich bin« ist in seinem Munde wie »Ich 
werde sein« und findet erst darin seine Erklärung. 
Aber für Mensch und Welt, denen das Leben von Haus 
aus nicht ewig ist, sondern die im bloßen Augenblick oder in 
breiter Gegenwart leben, ist die Zukunft nur faßbar, indem sie, 
die zögernd herangezogen kommende, in die Gegenwart vor 
gezogen wird. So wird ihnen die Dauer höchst wichtig, weil 
sie es ist, an der sich die Zukunft, indem sie in den Augenblick 
vorweggenommen wird, immerfort reibt. Und deshalb kommt 
für das Gebet schließlich alles darauf hinaus, ob die Zukunft 
des Reichs dadurch beschleunigt oder verzögert wird. Oder 
genauer gesagt: da beides, Beschleunigung wie Verzögerung, 
nur in den Augen des Menschen und der Welt, nicht vor Gott 
gilt, und Mensch und Welt die Zeit nicht messen nach einem 
außer oder über ihnen liegenden Maß, sondern aneinander, der 
Mensch also am ihm entgegenreifenden Wachstum der Welt, 
die Welt an der ihr in den Schoß geschütteten Fülle der Liebe: 
so kommt es für das Gebet darauf an, ob der Lichtschein, den 
es in das Dunkel der Zukunft wirft und der in seinen letzten 
Ausläufern immer in die fernste Ferne reicht, an der Stelle 
seines ersten Auftreffens, an dem,nächsten Punkt also, den er 
dem Beter erleuchtet, der Liebe vorauseilt, hinter ihr zurück 
bleibt, oder mit ihr Schritt hält. Nur im letzten Falle wird das 
Gebet erfüllt; nur dann geschieht es in der »angenehmen Zeit«, 
der »Gnadenzeit«; in diesem seltsamen Ausdruck, den wir 
nun zu verstehen beginnen, macht der Glaube den Gedanken 
lebendig, den als eine tote Erkenntnis schon die heidnische 
Frömmigkeit besaß: daß man die Götter nur bitten dürfe um
        

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