Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: EINLEITUNG 
Ziel hin zu=spitzt, auch ihre durch diese Zuspitzung entstan 
denen langen offenen Flanken zu decken gegen alle etwaigen 
ablenkenden oder störenden Einflüsse, die sie auf dem Wege 
voraussehen muß. So wird sie zur zugespitzten, bedachten 
und bedeckten Tat, und wenn sie überhaupt an ihr Ziel kommt, 
so mündet sie ein in ihren Erfolg. Ihr weiteres Schicksal ist 
dann abhängig von dem Schicksal dessen, woran sie Erfolg 
hatte; stirbt es, so stirbt sie mit ihm. Denn weil sie ihren Weg 
bis hin zum Ziel, je reinere und vollkommenere Zwecktat sie 
war, möglichst gedeckt gegangen ist, so ist sie als Tat selbst 
wirklich ungesehen geblieben, und je reiner zweckvoll, um so 
gewisser zu ihrem Ziel gelangt, ohne irgendwelche ungewollte 
Wirkungen unterwegs ausgeübt zu haben. 
Ganz anders also die Liebestat. Es ist sehr unwahrschein 
lich, daß sie wirklich den Gegenstand erreicht, dem sie zulief. 
Sie war ja blind, nur ein das Nächste ertastendes Gefühl hat 
ihr Kunde von dem Gegenstand gebracht; sie weiß nicht, wo 
sie am besten in ihn eindringen mag; sie weiß den Weg nicht. 
Wie sie sich ihn so blindlings sucht, ohne Deckung, ohne Zu 
spitzung: was ist wahrscheinlicher, als daß sie den Weg ver 
liert? und daß sie — zwar irgendwo anlangt und infolge ihres 
breiten Ausströmens sogar bei mehr als einem einzigen Irgend 
wo, aber ihren ursprünglichen Gegenstand, dem sie zugedacht 
war, nie zu sehen bekommt. 
Vielleicht ist es nicht zuviel gesagt, daß die eigentlichen 
Wirkungen der Liebe alles Nebenwirkungen sind. Und ganz 
ohne solche bleibt sie auf keinen Fall, während diese Freiheit 
von Nebenwirkungen bei der Zwecktat wohl Vorkommen mag 
und jedenfalls immer angestrebt wird. Denn jeder Gegenstand 
hängt so lückenlos zusammen mit andern und schließlich mit 
der Unendlichkeit der Gegenstände, daß es einer Tat gar nicht 
möglich ist, nicht mindestens auf dem Wege zu ihm auch auf 
andere Gegenstände zu wirken. — sie müßte denn es gradezu 
hindern, indem sie, wie eben die Zwecktat, auf dem kürzesten 
und heimlichsten Weg hinausgeht. Und wenn unter diesen 
Gegenständen, die ihre Wirkungen empfangen haben, auch
        

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