Full text: Der Stern der Erlösung

SCHWELLE 
D EM Versinken in das unterirdische Reich, wo die Ge 
stalten einzeln, einander fremd, ein in Stücke ge 
borstenes All, hausten, war das Steigen gefolgt, — 
das Steigen über die Wölbung des sichtbaren Himmels. In 
diesem Steigen waren die im Versinken auseinandergefallenen 
Stücke des All wieder zusammengeführt, aber nicht wieder zu 
einer Einheit, wie sie die Philosophie zuvor gesucht und in 
folgedessen vorausgesetzt hatte, nicht zur Einheit der überall 
in sich selbst zurücklaufenden Kugel. Denn was in ihren ersten 
Anfängen die Philosophie mit naiver Offenheit ausgesprochen 
hatte, daß sie das »Sein« als Kugel, zum mindesten als Kreis, 
erkennen wollte, davon blieb sie beherrscht bis an ihren Aus 
gang in Hegel. Noch Hegels Dialektik glaubt sich selbst recht- 
fertigen zu können und zu müssen, indem sie in sich selbst 
zurückführt. Eine andere Einheit ist es, in die jetzt die Stücke 
des All miteinander treten. Jene Einheit des in sich selber, in 
den eigenen Anfang Zurücklaufens, die Umendlichkeit in dem 
Sinn, daß das Ende sofort wieder sich in den Anfang ver 
wandelt und so nie als Ende greif- und begreifbar wird, jene 
Einheit lag uns nur an den äußersten Grenzen unsrer Welt; 
nur im Glockenschlag der beiden Mitternächte, gewissermaßen 
nur vor dem Anfang, nur nach dem Ende breitete sich das 
Meer der Unendlichkeit aus; der Anfang selbst, die erste 
Stunde, war wirklich im Anfang; das Ende selbst, die zwölfte 
Stunde, war wirklich am Ende der Tage; diese beiden, erste 
wie letzte Stunde, gehörten wirklich noch zum Tag des 
Lebens, genau so gut wie der Lebensmittag des Erlebnisses. 
Ja in Abweichung von diesem Vergleich ist nicht der Lebens 
mittag die feierlichste Zeit, sondern die letzte, die »höchste« 
Zeit; wie ia auch nur die Mitternacht des Anfangs dunkel ist, 
aber die des Endes Licht.
        

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