Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
in die Tiefen seiner Einsamen — so nennt der Psalmist seine 
Seele — hinabsteigen, weil es sich erkühnt, als Ich, das es ist, 
aus dem Mund der Gemeinde zu sprechen. Seine Feinde Gottes 
Feinde, seine Not unsre Not, seine Rettung unser Heil. Diese 
Steigerung der eigenen Seele zur Seele Aller gibt erst der 
eigenen Seele die Kühnheit, ihre eigene Not auszusprechen — 
weil es eben mehr ist als bloß die eigne. In der Offenbarung 
wird die Seele stille; sie gibt ihre Eigenheit preis, auf daß sie 
ihr vergeben werde; der von Gottes Liebe Erwählte verliert 
seinen eignen Willen, Freundschaft, Haus und Heimat, indem 
er Gottes Befehl vernimmt, das Joch der Sendung auf seine 
Schultern auflädt und hinausgeht in ein Land, das Er ihm zei 
gen wird. Indem er aber damit aus dem Zauberkreis der Offen 
barung in das Reich der Erlösung eintritt und sein unter der 
Offenbarung aufgegebenes Ich zum Wir Alle erweitert, erst da 
kehrt ihm all sein Eignes wieder, aber nun nicht mehr als sein 
Eignes, nicht mehr als seine Heimat, Freundschaft und Ver 
wandtschaft, sondern als das Eigne der neuen Gemeinschaft, 
die Gott ihm zeigt und deren Nöte seine Nöte, deren Wille 
sein Wille, deren Wir sein Ich, deren — Nochnicht sein 
Dennoch wird. 
So ist es in dem Buch der Psalmen die Gruppe der reinen 
Wir-Psalmen, in denen der tiefste Sinn des Psalms ganz licht 
und offenkundig wird, jene Gruppe vom hundertelften bis zum 
hundertachtzehnten, das große Lobsingen, dessen Kehrreim 
wir schon als den Stammsatz der Erlösung kennen lernten. 
Das Wort Psalm selbst heißt ja in der heiligen Sprache nichts 
andres als »Lobgesang«, ein Wort von der gleichen Wurzel 
wie jenes »Lobsingen«. Und in dieser Gruppe ist es wieder das 
mittelste Stück, der hundertundfünfzehnte. 
Er beginnt und schließt als einziger unter allen Psalmen 
überhaupt mit einem gewaltigen betonten Wir. Und von diesen 
beiden Wir steht das erste im Dativ, im Dativ schlechtweg, 
nämlich unmittelbar abhängig von dem Wort »Geben«. Es 
wird um das Kommen des Reichs gebetet; denn die Wir setzen
        

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