Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
313 
ist so sehr das Wesentliche, daß wir mit Recht Anlehnungen 
an fremde Rhythmen, Aufnahme fremder Harmonien bei einer 
Komposition nicht als unzulässiges Plagiat empfinden, sondern 
einfach als »Verwandtschaft«, während wir die geringste Ent 
lehnung einer Melodie sofort als Diebstahl zu brandmarken 
geneigt sind. 
Die Poesie hat zu ihrer Grundlage etwas, was man wohl 
als Metrum bezeichnen dürfte, wenn dies Wort nicht eine zu 
enge Bedeutung hätte. Es fehlt in der Theorie der Dichtung 
eine Unterscheidung, wie sie die Musik zwischen Rhythmus 
und Takt setzt; wo Rhythmus ist, da ist auch Takt, aber nicht 
umgekehrt. So ist das Metrum nur eine äußerlich meßbare 
Teilerscheinung von dem, was wir als Ganzes Klang nennen 
möchten. Der Klang ist das, was als die das Ganze in seiner 
ganzen Breite umfassende Urkonzeption dem poetischen Werk 
zugrunde liegt, der Klang sowohl in rhythmischer wie in kolo 
ristischer Beziehung, also sowohl die Bewegung, die durch das 
Ganze hindurchgeht, wie das Verhältnis, in welchem Vokal 
klänge sowie auch Konsonantengeräusche untereinander stehen. 
Es handelt sich dabei um die nur wenig ins Bewußtsein 
tretende eben wirklich zugrunde liegende Eigenart des einzelnen 
Werks, die es als Ganzes von allen andern Werken schon vor 
aller weiteren Bestimmung unterscheidet. Es muß einem feinen 
Ohr möglich sein, an inhaltlich ganz unbezeichnenden Sätzen 
rein auf Grund des »Klanges« zu unterscheiden, ob sie bei 
Schiller oder bei Kleist, ja ob sie im Don Carlos oder im Wal 
lenstein stehen. Oder noch deutlicher: ein guter Schauspieler 
müßte den Satz »die Pferde sind gesattelt« ganz anders 
sprechen, wenn er in der Penthesilea als wenn er in 
der Natürlichen Tochter vorkäme. 
Zu diesem Charakter des Ganzen, den der Klang bestimmt, 
tritt nun die Versenkung ins Einzelne, die in der Wortwahl 
geschieht. Dies ist das, was man als die individuelle »Sprache« 
des einzelnen Dichters bezeichnet, etwas äußerlich infolge 
unserer Schriftgewohntheit leichter zu Fassendes und deshalb 
auch schon viel länger Beobachtetes als der ebenso indivi
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.