Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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die seelischen, die Einheit der Form sprengenden Qualitäten 
des Kunstwerks verstanden. Schon dies gegensätzliche Ver 
hältnis zur Form weist darauf hin, daß sie beide Halt erst ge 
winnen, wenn noch ein Drittes über ihnen sich hebt, worin 
das »Epische« der breiten Stofftille und das »Lyrische« der 
unmittelbar zündend überspringenden Gegenwärtigkeit sich 
verbindet, indem alle Punkte der epischen Brette zu solcher 
Unmittelbarkeit belebt werden. Wenn wir dies Dritte das 
»Dramatische« nennen, so bedarf das Wort, das also ebenso 
gut das »Dramatische« einer Symphonie, eines Gemäldes, 
einer Tragödie, eines Liedes bezeichnen soll, wohl keiner 
weiteren Erklärung. 
Immerhin steht die Poesie ihrem Wesen nach in einer 
engeren Beziehung zu dieser Qualität des »Dramatischen« als 
bildende Kunst und Musik. Das hängt damit zusammen, daß 
jene, weil im Elemente des Raums, ganz von selbst in die 
»Breite« ging, also zum »Epischen« neigte, diese, weil in der 
Zeit, zur »lyrischen« Unterstreichung und erfühlenden Erfül 
lung des einzelnen Augenblicks; während die Poesie unmittel 
bar weder im Raum noch in der Zeit zu Hause ist, sondern 
dort, wo Raum wie Zeit beide ihren inneren Ursprung nehmen, 
im vorstehenden Denken. Die Poesie ist nicht etwa Gedanken 
kunst, aber das Denken ist ihr Element, so wie der Raum das 
der bildenden Kunst, die Zeit das der Musik; und vom Denken 
her macht sie sich durch die Vorstellung dann auch die Welt 
der äußeren und inneren Anschauung, Raum und Zeit, »episch« 
extensive Breite wie »lyrisch« intensive Tiefe, dienstbar. So 
kommt es, daß sie die eigentlich lebendige Kunst ist. Wie 
denn auch zum großen Dichter noch unbedingter eine gewisse 
menschliche Reife gehört als zum Maler oder Musiker und 
selbst schon das Verständnis von Dichtung stark bedingt ist 
durch einen gewissen Reichtum an Erlebnis. Bildende Kunst 
und Musik haben immer noch etwas Abstraktes; jene scheint 
gewissermaßen stumm, diese blind zu sein, so daß jener die 
sprachliche Offenbarung von Moses ab, dieser das gestalt 
befriedigte Heidentum von Platon ab nie ganz ohne Mißtrauen
        

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