Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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Aber er soll dir nicht ein Er bleiben und also für dein Du bloß 
ein Es, sondern er ist wie Du, wie dein Du, ein Du wie Du, 
ein Ich, — Seele. 
So macht Liebe die Welt zur beseelten, nicht eigentlich 
durch das, was sie tut, sondern weil sie es aus Liebe tut. Daß 
dabei doch etwas geschieht, ein Getanwerden also ohne daß 
ein eigentliches Tun dabei wäre, das kommt nicht mehr auf 
Rechnung des Menschen, sondern der Welt, denn sie bewegt 
sich der Liebestat entgegen. Es ist ein Gesetz wirksam in der 
Reihenfolge, in der sich die Dinge so der Liebestat des Men 
schen zubewegen. Nur vom Menschen aus ist dies Gesetz 
nicht sichtbar. Ihm muß jedes Nächste, was ihm vorkommt, 
»irgend« eines sein, Vertreter jedes andern, aller andern; er 
darf nicht fragen, nicht unterscheiden, es ist ihm sein Nächstes. 
Aber von der Welt aus gesehen, ist umgekehrt grade die 
Liebestat des Menschen das Ungeahnte, Unverhoffte, die große 
Überraschung. In sich selbst trägt die Welt das Gesetz ihres 
wachsenden Lebens. Aber wie dies Leben, das ihr zuwächst 
und in jedem neu sich gliedernden Glied Dauer beansprucht, 
wirklich zu Dauer kommen soll, ob ihm Unsterblichkeit be- 
schieden sein wird: das ist von der Welt her dunkel. Die 
Welt weiß nur, oder glaubt zu wissen, daß alles Lebendige 
sterben muß. Und wenn sie Ewigkeit beansprucht, so tut sie 
es in Erwartung einer Einwirkung von draußen, die dem 
Leben Unsterblichkeit verleiht. Sie selber treibt ihre Äste, 
Zweige, Blätter, Blüten und Früchte des Lebens in gesetz 
mäßigem Wachstum aus ihrem uralten Stamme hervor, dessen 
Wurzeln täglich neu aus dem immer frischen Brunnen des 
Daseins bewässert werden. Erst wenn und wo die Glieder 
dieses wachsenden Lebewesens von dem beseelenden Hauch 
der Liebe zum Nächsten angeweht werden, erst da gewinnen 
sie zu ihrem Leben, was ihnen das Leben selber nicht geben 
konnte: Beseelung, Ewigkeit. 
Die Tat der Liebe wirkt sich also nur scheinbar am Chaos 
eines »Irgend« aus. In Wahrheit setzt sie ohne es zu wissen 
voraus, daß die Welt, alle Welt mit der sie zu tun hat, wach-
        

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