Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
3°4 
haupt wahrnehmbar, nämlich nur der Mittelteil, der »Dual« 
der Nächstenliebe. Für den Anfangsteil, das »Danket«, ist der 
Welt das mithörende Ohr nicht geöffnet, für den Schluß, das 
»Wir«, nicht das vorschauende Auge. So sieht sie nur die Tat 
der Liebe und vergleicht sie ihrer eigenen Tat. Und hier sieht 
und hört sie zwar, aber mit blinden Augen und mit tauben 
Ohren. Denn was da geschieht, die Durchseelung des wach 
senden Lebens der Welt, das ist von der Welt her unsichtbar, 
weil sie zwar, anders als beim »Danket« und beim «Wir», 
hier wohl sieht, daß etwas geschieht, aber nicht w r as. So sieht 
sie nur Anarchie, Unordnung, Störung ihres ruhig wachsenden 
Lebens. Denn um auch das Was zu sehen, müßte sie den Aus 
gangspunkt dieses Geschehens der Beseelung erblicken 
können, die Seele des Menschen. Und das kann sie nicht; denn 
der Mensch, in welchem die Seele erwacht, gehört ihr nicht 
an, ehedenn sie selber beseelte Welt wird — in der Erlösung. 
Die Liebestat des ^Menschen ist ja nur scheinbar Tat. Es 
ist ihm von Gott nicht gesagt, seinem Nächsten zu tun, was er 
sich selbst getan haben möchte. Diese praktische Form des 
Gebots der Nächstenliebe zum Gebrauch als Regel des Han 
delns bezeichnet in Wahrheit nur die untere negative Grenze, 
die es im Handeln zu überschreiten verbietet, und wird des 
halb auch besser schon äußerlich in negativer Form auszu 
sprechen sein. Sondern der Mensch soll seinen Nächsten lieben 
wie sich selbst. Wie sich selbst. Dein Nächster ist »wie du«. 
Der Mensch soll sich nicht verleugnen. Sein Selbst wird eben 
hier im Gebot der Nächstenliebe erst endgültig an seiner 
Stätte bestätigt. Die Welt wird ihm nicht als ein unendliches 
Gemeng vor die Augen gerückt, und mit dem hinweisenden 
Finger auf dies ganze Gemeng ihm gesagt: das bist du. Das 
bist du — höre also auf, dich davon zu unterscheiden, gehe in 
es ein, in ihm auf, verliere dich daran. Nein, sondern ganz 
anders: aus dem unendlichen Chaos der Welt wird ihm ein 
Nächstes, sein Nächster, vor die Seele gestellt, und von die 
sem und zumächst nur von diesem ihm gesagt: er ist wie du. 
»Wie du«, also nicht »du«. Du bleibst Du und sollst es bleiben.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.