Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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zelnen Stimmen gesungen wird, — von meiner und meines 
Nächsten. Statt des Plural, der die Dinge als einzelne Ver 
treter ihrer Art enthält, und statt des Singular, in welchem die 
Seele ihre Geburt erlebt, herrscht also hier der Dual, jene 
Form, die in den Sprachen nicht von Dauer ist, sondern im 
Laufe der Entwicklung vom Plural aufgesogen wird; denn frei 
lich haftet sie nirgends fest außer höchstens an den wenigen 
Dingen, die an sich paarweise auftreten; sonst gleitet sie von 
einem Träger zum andern, nächsten weiter, von einem Näch 
sten zum nächsten Nächsten, und hat keine Ruhe, ehe sie nicht 
den ganzen Kreis der Schöpfung ausschritt. Aber nur schein 
bar gibt sie so ihre Herrschaft an den Plural ab; in Wahrheit 
hinterläßt sie bei dieser Wanderung überall ihre Spuren, in 
dem sie in dem Plural der Dinge allenthalben das Zeichen der 
Singularität setzt; wo einmal der Dual gehaftet hat, wo einer 
oder etwas zum Nächsten einer Seele geworden ist, da ist ein 
Stück Welt geworden, was es vorher nicht war: Seele. 
Aber welche Reihenfolge in dieser Weltwanderung ein 
gehalten wird, das ist ganz unbestimmt. Immer antwortet dem 
Weckruf die nächste Stimme; welche das ist, das steht nicht 
in der Wahl des Weckers; er sieht immer nur das Nächste, 
nur den Nächsten. Ja eigentlich sieht er kaum den Nächsten; 
o er fühlt nur in sich den überquellenden Drang zur Liebestat; 
welches und ein wie beeigenschaftetes Etwas aus der Fülle des 
Etwas sich ihm bieten mag, das ist ihm gleichgültig; genug, er 
weiß, daß jedes Etwas ihm in seiner Eigenschaftlichkeit und 
Eigenartigkeit durch die Kraft seiner ihm selber entquellenden 
Tat zum Einzigartigen, Subjektiven, Substantivischen werden 
wird. Das Verbum erst, indem es als selber unbestimmte Ko 
pula den Satz zusammenbindet, gibt der adjektivischen All 
gemeinheit des Prädikats substantivische Festigkeit und Ein 
zigartigkeit und macht das Substantiv zum Subjekt. Wie es 
denn auch, wenn es als Tatwort selber inhaltliche Bestimmung 
angenommen hat, immer noch wahllos vom Subiekt aus auf 
jedes ihm vorgelegte Objekt sich richtet, aber gleichwohl in 
dieser Wahllosigkeit das Objekt aus seiner passivischen Starr
        

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