Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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stets Gesang von mehreren ist; der Einzelne singt nicht; erst 
wenn das Lied als Lied der Vielen entstanden ist, füllt es nach 
träglich die unsanglichen Formen der Erzählung und des 
Wechselliedes an und wird zur Ballade des Sängers am 
Königshofe und zum Lied der Liebe. Aber ursprünglich ist 
der Gesang vielstimmig gleichen Tons und Atems, und über 
allem Inhalt des Gesanges steht die Form dieser Gemeinsam 
keit. Ja der Inhalt ist selbst weiter gar nichts als die Begrün 
dung für diese seine Form. Man. singt nicht gemeinsam um 
eines bestimmten Inhalts willen, sondern man sucht sich einen 
gemeinsamen Inhalt, damit man gemeinsam singen kann. Der 
Stammsatz, wenn er Inhalt gemeinsamen Gesanges sein soll, 
kann nur als eine Begründung solcher Gemeinsamkeit auf- 
treten; das »er ist gut« muß erscheinen als ein »denn er ist 
gut«. 
Was ist nun das erste, was also begründet wird? Es kann 
nur die Gemeinsamkeit des Gesanges sein, und diese Gemein 
samkeit nicht als die vollendete Tatsache, nicht als ein Indi 
kativ, sondern erst als eine grade eben begründete Tatsache. So 
muß die Stiftung der Gemeinsamkeit dem Inhalt des Gesanges 
vorangehn, als eine Aufforderung also zum gemeinsamen 
Singen, Danken, Bekennen, »daß Er gut ist«, oder vielmehr, wie 
man in Anbetracht dessen, daß dies Singen, Danken, Bekennen 
selber die Hauptsache ist und das Besungene, Verdankte, Be 
kannte nur Begründung dafür, richtig übersetzt: eine Auffor 
derung zum Singen, Danken, Bekennen »weil Er gut ist«. Und 
diese Aufforderung wiederum darf kein Imperativ sein, keine 
Aufforderung des Auffordernden an einen Aufgeforderten, der 
der Aufforderung nachzukommen hätte, sondern die Auffor 
derung muß selbst unter dem Zeichen der Gemeinsamkeit 
stehen, der Auffordernde muß zugleich selber Aufgeforderter 
sein, sich selber mit auffordern: die Aufforderung muß im 
Kohortativ stehen, einerlei ob dieser Unterschied vom Impe 
rativ äußerlich erkennbar ist oder nicht; auch die scheinbare 
Aufforderung, das »Danket«, darf nur den Sinn eines »Laßt uns 
danken« haben; der Auffordernde dankt selber mit, ja er
        

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