Full text: Der Stern der Erlösung

2 94 
ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
in die Oberwelt der Sprache annimmt, beim Stammsatz. Er 
soll die Stammworte der Schöpfung und der Offenbarung zu 
sammenschließen, jenes Nichts=als=Prädikat, das »Gut!«, mit 
jenem Nichts=als=Subjekt, dem göttlichen Ich. Und da es ein 
Satz werden muß, der von beiden Seiten gleichzeitig — wirk 
lich zweistimmig — gesprochen werden muß, so kann jenes 
Ich nicht Ich bleiben; Mensch und Welt müssen es gleichen 
Atems singen können; an Stelle des göttlichen Ichs, das nur 
Gott selber sprechen konnte, muß der göttliche Name treten, 
den auch Mensch und Welt im Herzen tragen können, und 
von ihm muß es heißen: er ist gut. 
Dies ist der Stammsatz der Erlösung, das Dach über dem 
Hause der Sprache, der an sich wahre Satz, der Satz, der 
wahr bleibt, einerlei wie er gemeint ist und aus welchem 
Munde er kommt. Daß zwei mal zwei vier ist, kann unwahr 
werden, etwa wenn man es einem Papagei gelehrt hat und der 
es nun »spricht«; denn was ist dem Papageien die Mathe- 
mathik? Aber der Satz, daß Gott gut ist, kann selbst in die* 
sem skurrilsten aller möglichen Fälle seines Lautwerdens keine 
Unwahrheit werden; denn auch den Papageien hat Gott ge* 
schaffen, und auch auf ihn geht schließlich seine Liebe. An die* 
sen Satz müssen alle andern Sprachformen anzuknüpfen sein. 
Und zwar, während dem Stammwort der Schöpfung die For 
men folgen in der Reihe einer sachlichen Entwicklung wie die 
einzelnen Sätze einer Geschichte und während das Stamm 
wort der Offenbarung ein Wechselgespräch eröffnet, müssen 
hier die Sprachformen alle den Sinn des einen Satzes tragen 
und erläutern. Es müssen lauter Formen sein, die den Zu 
sammenhang der beiden Satzteile deuten und kräftiger 
schließen. Durch jede Form muß der Grundbaß des Satzes 
durchtönen und die Formen selber müssen in steter Steigerung 
den Satz immer hymnischer heben. Statt als Erzählung, die 
vom Erzähler zur Sache strebt, statt als Zwiegespräch, das 
zwischen zweien hin und her geht, tritt die Grammatik diesmal 
auf als strophisch sich steigernder Gesang. Und Urgesang, der
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.