Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
setzt: es ist kein Wachstum von einem zum andern, kein 
»Geist«, der durch sie alle hindurchgeht und sie zur Einheit 
verbindet, und außer dem Rückgriff auf die noch vom Pro 
pheten selbst herrührende Erblehre bleibt, wo sie die Zeit 
bedürfnisse im Stich läßt, diesen nur die Zuflucht zum Con 
sensus der lebenden Gesamtheit — »Idschma« —; »meine 
Gemeinde wird nie in einem Irrtum übereinstimmen«, soll Mu- 
hamed verheißen haben. Diese Übereinstimmung ist also 
wieder etwas rein Gegenwärtiges, gar nicht zu vergleichen 
oder vielmehr genau entgegengesetzt dem Gedanken der un 
fehlbaren Kirche, die unfehlbar nur ist als lebendige Hüterin 
der Erblehre, ebenso entgegengesetzt dem rabbinischen Begriff 
der mündlichen Lehre, der dem gegenwärtigen, rein logisch 
ermittelten Entscheid einen unmittelbaren Ursprung in der 
Sinaioffenbarung selber zuschreibt. Aber deutlich ist hier wie 
bei der Imamlehre die auffallende Analogie zur spezifisch 
»modernen« Auffassung des »Fortschritts« in der Geschichte 
und der Stellung des »großen Manns« darin. 
Das Wesentliche dieser Analogie ist nun, daß gegenüber dem 
notwendigen und dennoch, durch das Mitwirken jenes erwähn 
ten »andern«, unberechenbaren Wachstum des Reichs hier der 
Gedanke der Zukunft in der Wurzel vergiftet ist. Denn zur 
Zukunft gehört vor allem das Vorwegnehmen, dies, daß das 
Ende jeden Augenblick erwartet werden muß. Erst dadurch 
wird sie zur Zeit der Ewigkeit. Denn wie sich ja die Zeiten über 
haupt in ihrem Verhältnis zur Gegenwart gegeneinander unter 
scheiden, so erhält erst hier der gegenwärtige Augenblick, der 
von der Vergangenheit das Geschenk des Immerwährenden, 
der Dauer, von der Gegenwart selbst das Sein in jeder Zeit 
empfangen hatte, die Gabe der Ewigkeit. Daß jeder Augenblick 
der letzte sein kann, macht ihn ewig. Und eben daß jeder 
Augenblick der letzte sein kann, macht ihn zum Ursprung der 
Zukunft als einer Reihe, von der jedes Glied durch das erste 
vorweggenommen wird. 
Dieser Gedanke der Zukunft nun, dies daß das Reich 
»mitten unter euch« ist, daß es »heute« kommt, diese Ver
        

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