Full text: Der Stern der Erlösung

284 ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
Veränderungen ist, wäre Erkenntnis des Lebens Erkenntnis 
seiner Erhaltung. 
Indem aber das Leben seine Dauer durch Widerstehen er 
hält, zeigt sich nun doch, daß es nicht ganz dem entspricht, 
was wir hier suchen. Wir suchten ja nicht dauernde Punkte, 
Brennpunkte gewissermaßen des Lebens in einer übrigens un 
lebendigen Welt, sondern wir suchten die Dauerhaftigkeit der 
Welt selber, wir suchten eine unendliche Dauer, die sich dem 
stets augenblicklichen Dasein unterstellen, ihm zugrunde 
liegen könnte, eine Substanz also der Welt unter den Erschei 
nungen ihres Daseins. Wir suchten ein frei stehendes Unend 
liches, wir fanden allerlei Endliches, unbestimmt vieles; wir 
fanden ein Endliches, das gradezu seinem Wesen nach End 
liches war; denn es erhielt seine Dauer im Widerstand gegen 
andres. 
Wie löst sich dieser Widerspruch? Wieder wie schon 
alles, was uns bisher hier abweichend erschien von dem zuvor 
Behandelten, durch den einfachen Gedanken, daß das, was 
wir hier suchen, nicht ein schon Vorhandenes ist, sondern 
etwas, das erst kommt. Wir suchen ein unendliches Leben, 
wir finden ein endliches. Das endliche, das wir finden, ist also 
bloß das Nochnichtunendliche. Die Welt muß ganz lebendig 
werden. Statt bloß einzelner Brennpunkte von Leben wie Ro 
sinen in einem Kuchen muß die Welt ganz lebendig werden. 
Das Dasein muß an allen seinen Punkten lebendig sein. Daß 
es das noch nicht ist, bedeutet eben wieder weiter nichts, als 
daß die V/elt noch nicht fertig ist. Und daß diese Unfertigkeit 
uns erst hier auffällt und nicht schon im Begriff des Daseins, 
liegt daran, daß das Dasein stets nur augenblicklich ist und 
also jenseits der Frage »fertig« oder »unfertig«; denn der 
Augenblick kennt nur sich selbst; sowie aber die Suche nach 
dem Dauernden, dem Einfürallemal, angestellt wird, das jenem 
Dasein erst Grund und Halt gibt, zeigt sichs, daß das Gesuchte 
— noch nicht da ist, genauer: da ist als ein noch nicht Da 
seiendes. Leben und Dasein decken einander — noch nicht. 
Die Fülle der Erscheinung, die in den Kosmos hinein 
prasselte, der unaussprechliche Reichtum der Individualität ist
        

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