Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
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sein, aber nichts ist mit Gewißheit moralisch. Im Gegensatz 
zum notwendigerweise rein formalen und daher inhaltlich 
nicht bloß zwei-, nein unbegrenzt vieldeutigen moralischen 
Gesetz braucht das inhaltlich klare und eindeutige Gebot der 
Nächstenliebe, die aus der gerichteten Freiheit des Charakters 
entspringt, eine Voraussetzung jenseits der Freiheit: fac quod 
jubes et jube quod vis — dem daß Gott »befiehlt, was er will«, 
muß, weil der Inhalt des Befehls hier der ist, zu lieben, das 
göttliche »schon Getansein« dessen, was er befiehlt, voran 
gehen. Die gottgeliebte Seele allein kann das Gebot der 
Nächstenliebe zur Erfüllung empfangen. Gott muß sich erst 
zum Menschen gekehrt haben, ehe der Mensch sich zu Gottes 
Willen bekehren kann. 
Diese Erfüllung von Gottes Gebot in der Welt ist ja nun 
nicht ein einzelner Akt, sondern eine ganze Reihe von Akten; 
die Liebe des Nächsten bricht immer neu hervor; sie ist ein 
Immerwiedervonvornbeginnen; sie läßt sich durch keine »Ent 
täuschungen« beirren; ja im Gegenteil: sie bedarf der Ent 
täuschungen, damit sie nicht einrostet, nicht zur schematischen 
organisierten Tat erstarre, sondern immer frisch hervorquelle. 
Sie darf keine Vergangenheit haben und in sich selbst auch 
keinen Willen zu einer Zukunft, keinen »Zweck«; sie muß ganz 
in den Augenblick verlorene Tat der Liebe sein. Dazu hilft ihr 
allein die Enttäuschung, die sie von der natürlichen Erwartung 
eines Erfolgs, der nach Analogie vergangener Erfolge erwartet 
werden kann, immer wieder enttäuscht. Die Enttäuschung 
erhält die Liebe bei Kräften. Wäre es anders, wäre die Tat 
die Ausgeburt einer einmal vorhandenen Willensrichtung, aus 
der heraus sie nun mit klarem Ziel sich frei in dem un 
begrenzten Stoff der Wirklichkeit erginge, träte sie also her 
vor als unendliche Bejahung, so wäre sie nicht Liebestat, 
sondern Zwecktat, und ihr Verhältnis zu ihrem Ursprung in der 
Willensrichtung des Charakters wäre nicht das augenblickhaft 
frische Hervortreten, sondern einfürallemal beschlossener und 
entschlossener Gehorsam. Mit andern Worten: sie wäre nicht 
die Liebestat des Glaubens, sondern — der Weg Allahs.
        

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