Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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geforderte Hingegebenheit ergänzen soll. Es kann nichts 
• anderes sein als die Liebe zum Nächsten. Die Liebe zum 
Nächsten ist das, was jene bloße Hingegebenheit in jedem 
Augenblick überwindet und dennoch stets voraussetzt. Denn 
ohne diese Voraussetzung könnte sie nicht sein, was sie ihrem 
Wesen nach sein muß: notwendig, trotzdem — ja trotzdem! — 
sie sich jeden Augenblick erneuert. Sie wäre bloß »Freiheit«; 
denn ihr Ursprung läge allein im Willen. Es ist ganz richtig: 
er liegt allein im Willen; aber der Mensch kann sich in der 
Liebestat erst äußern, nachdem er zuvor von Gott wach 
gerufene Seele geworden ist. Nur die Gottgeliebtheit der 
Seele macht ihre Liebestat zu mehr als einer bloßen Tat, näm 
lich zur Erfüllung eines — Liebesgebots. 
Hier kommen wir auf die anfangs angeregte Frage zurück. 
Indem die Liebe zum Menschen von Gott geboten wird, wird 
sie, weil Liebe nicht geboten werden kann außer von dem 
Liebenden selber, unmittelbar auf die Liebe zu Gott zurück 
geführt. Die Liebe zu Gott soll sich äußern in der Liebe zum 
Nächsten. Deshalb kann die Nächstenliebe geboten werden 
und muß geboten werden. Nur durch die Form des Gebots 
wird hinter ihrem Ursprung, den sie im Geheimnis des gerich 
teten Willens nahm, die Voraussetzung des Gottgeliebtseins 
sichtbar, durch die sie sich von allen moralischen Taten unter 
scheidet. Die moralischen Gesetze wollen in der Freiheit 
nicht bloß wurzeln — das will auch die Liebe zum Nächsten —, 
sondern keine andre Voraussetzung anerkennen als die Frei 
heit. Das ist die berühmte Forderung der »Autonomie«. Die 
natürliche Folge dieser Forderung ist, daß die Gesetze, die 
diese Tat bestimmen sollen, allen Inhalt verlieren; denn jeder 
Inhalt würde eine Macht ausüben, durch welche die Autonomie 
gestört würde; man kann nicht »etwas« wollen und trotzdem 
nur »überhaupt« wollen; und die Forderung der Autonomie 
fordert, daß der Mensch nur schlechthin, nur überhaupt will. 
Und weil so das Gesetz zu keinem Inhalt kommt, so kommt 
infolgedessen auch die einzelne Tat zu keiner Sicherheit. Im 
Moralischen ist alles ungewiß, alles kann schließlich moralisch
        

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