Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: DRITTES BUCH 
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Diese Gestaltwerdung der gestaltlos in der göttlichen Liebe 
vergehenden geliebten Seele aber setzt voraus, daß zu ihrer 
bloßen Ausgebreitetheit vor Gott, in der sie zu verfließen 
droht, etwas andres hinzutrete, was sie wieder zusammen 
reißt. Und zwar muß es eine Kraft sein, die fähig ist, in 
jedem Augenblick die ganze hingegebene Seele ganz zu 
ergreifen; und in jedem Augenblick, so daß die Seele keinen 
Raum mehr hat, um zu »vergehen«, keine Zeit mehr, um »an 
dächtig zu schwärmen«. Eine neue Kraft also muß aus der 
Tiefe der Seele selber hervorsteigen, um ihr in der Inbrunst 
des Heiligen ihre Festigkeit und Gestalt zu geben, die sie in 
der mystischen Brunst einzubüßen drohte. Solch Hervor 
steigen aber geschieht nur, indem der Zeiger der Weltuhr 
weiterrückt, wie vorhin bei der Gestaltwerdung Gottes von der 
Schöpfung zur Offenbarung, so jetzt bei der Gestaltwerdung 
der Seele von der Offenbarung zur Erlösung. 
Wie also bricht nun die Pforte, die den Menschen, auch 
nachdem er den Ruf Gottes vernommen und in seiner Liebe 
selig worden ist, noch vor der Welt verschließt? Wir 
erinnern uns, daß in das Selbst nicht bloß der Trotz, der dann 
als Treue der geliebten Seele aus vorweltlichem Dunkel ans 
Licht der Welt trat, eingemündet war, sondern noch ein 
andres. Dies andre war im Gegensatz zu dem heißen kochenden 
Trotz ein ruhig stehendes Gewässer, der seiende Charakter, 
die eigne Art des Menschen. Indem der Trotz immer aufs 
Neue diese eigne Art behauptete, entstand das starre, abge 
schlossene Selbst. Dieser Charakter war es, der, wie er nun 
einmal angelegt war und wie sich einmal die Elemente in ihm 
gemischt hatten, den Helden für das antike Gefühl zum tra 
gischen Helden machte; denn nicht daß der Held überhaupt in 
trotziger Wallung aufschäumte und seinen Charakter fest 
rammte, rechnete ihm das antike Bewußtsein als Schuld zu, 
sondern daß der Charakter, den er festhielt, ungleich gemischt 
war und keinen Einklang gab, so daß irgend ein einzelnes 
Element in ihm vorschlug und das schöne Maß störte; nur 
dieser Anlagefehler war das Hamartema, das den tragischen
        

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