Full text: Der Stern der Erlösung

ERLÖSUNG 
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Liebling. Um das zu sein, um also nur das eine Geleis zu 
sehen, auf dem die Verbindung von ihm zu Gott, von Gott zu 
ihm läuft, muß er die Welt leugnen, und da sie sich nicht 
leugnen läßt, so muß er recht eigentlich sie verleugnen; es ist 
kein Zufall, sondern ganz wesentlich für ihn, daß er sie, da sie 
nun einmal da ist, behandelt als ob sie nicht wahrhaft »exi 
stierte«, kein Da=sein hätte, kein Schon=da=sein; er muß sie 
behandeln als ob sie nicht — geschaffen wäre (denn das ist ja 
ihr Da*sein), als ob sie nicht Gottes Schöpfung wäre, nicht 
von dem gleichen Gott ihm hingestellt, dessen Liebe er für 
sich beansprucht; er darf nicht, sondern er muß gradezu sie 
behandeln, als wäre sie vom Teufel geschaffen; oder da der 
Begriff »schaffen« auf ein Tun des Teufels unanwendbar 
scheint, so müßte man wohl sagen: er muß sie behandeln, als 
wäre sie nicht geschaffen, sondern würde ihm von Augen 
blick zu Augenblick grade für die zufälligen Bedürfnisse des 
Augenblicks, wo er ihr einen Blick schenkt, fertig zum Ge 
brauch hingestellt. Dieses grundunsittliche Verhältnis des 
reinen Mystikers zur Welt ist ihm also, will er anders sein 
reines Mystikertum bewähren und bewahren, schlechthin 
notwendig. Der hochmütigen Verschlossenheit des Menschen 
muß sich die Welt verschließen. Und der Mensch, den wir 
schon sich öffnen sahen, wird, statt als redende Gestalt lebendig 
zu werden, in die Verschlossenheit zurückgeschlungen. 
Wie mag sich nun diese Verschlossenheit zur Gestalt er* 
schließen? Denn es muß zu einer solchen Erschließung 
kommen, wenn der tiefste Grund jenes sich Öffnens der Seele 
nicht verleugnet werden soll. Jener Grund war ja die Not 
wendigkeit, daß die geheime Vorwelt der Schöpfung sich ins 
Wunder des Offenbaren verkehren sollte. Das Selbst mußte 
aus seiner Stummheit zum redenden Selbst werden. Als 
geliebte Seele schien es das schon geworden zu sein. Aber 
nun sank uns die geliebte Seele plötzlich wieder ins Gestalt 
lose zurück, noch ehe sie recht Gestalt gewonnen hatte. Das 
ist die schwere Schuld des Mystikers, daß er das Selbst auf 
seinem Wege zur Gestalt aufhält. Der Held war ein Mensch,
        

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