Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
richtet. Die Liebe bleibt ja immer unter Zweien, sie weiß nur 
von Ich und Du, nicht von der Straße. So ist jene Sehnsucht 
in der unmittelbar gegenwärtig im Erlebnis und nur im Er= 
lebnis sich offenbarenden Liebe unerfüllbar. Das Schluchzen 
der Geliebten schluchzt in ein Jenseits der Liebe, in eine Zu 
kunft ihrer gegenwärtigen Offenbarung; es bangt nach einer 
Verewigung der Liebe, wie sie der allzeitlichen Gegenwärtig 
keit des Gefühls nimmer entsprießen kann; eine Verewigung 
nämlich, die nicht mehr im Ich und Du wächst, sondern im 
Angesicht aller Welt gegründet zu werden verlangt. Die Ge 
liebte fleht, der Liebende möge den Himmel seiner allzeit 
lichen Gegenwärtigkeit zerreißen, der ihrem Sehnen nach 
ewiger Liebe trotzt, und zu ihr herniederfahren, auf daß sie 
sich ihm wie ein ewiges Siegel aufs immerzuckende Herz 
legen kann und wie ein fest umschließender Ring um den 
nimmerrastenden Arm. Ehe ist nicht Liebe. Ehe ist unendlich 
mehr als Liebe; Ehe ist die Erfüllung im Draußen, nach der 
die Liebe aus ihrer inneren seligen Erfülltheit heraus die Hand 
ausstreckt in ohnmächtig unerfüllbarer Sehnsucht — o daß du 
mein Bruder wärest . . . 
Diese Erfüllung kann der Seele nicht mehr in ihrer Geliebt- 
heit werden. Diesem Schrei kommt keine Antwort aus dem 
Munde des Liebenden. Dies Reich der Brüderlichkeit, nach 
dem die Seele hier, hinaus über die Liebe des Ich zum Du, in 
der die dunkeln Vorzeichen des unpersönlich gemeinsamen 
Lebens der natürlichen Blutgemeinschaft herrlich in Erfüllung 
gegangen waren, verlangt, diesen Bund einer übernatürlichen, 
ganz persönlich gefühlten, und doch ganz weltlich daseienden 
Gemeinschaft, stiftet ihr nicht mehr die Liebe des Liebenden, 
von der sie bisher stets das Stichwort erwartet hatte, um Ant 
wort zu geben. Soll dieser Sehnsucht Erfüllung werden, so 
muß die geliebte Seele den Zauberkreis der Geliebtheit über 
schreiten, des Liebenden vergessen und selber den Mund 
öffnen, nicht zur Antwort mehr, sondern zum eigenen Wort. 
Denn in der Welt gilt nicht das Geliebtsein, und das Geliebte 
darf es hier nicht anders wissen, als wäre es allein auf sich
        

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