Full text: Der Stern der Erlösung

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OFFENBARUNG 
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sie bekennt voll Scham, daß die Sonne ihr die Haut ge 
schwärzt habe — schauet mich nicht an, meiner Mutter 
Kinder zürnen mit mir; aber fast im selben Atemzug rühmt 
sie sich der gleichen »Schwärze« als ihrer Schönheit — 
schwarz bin ich, aber gar lieblich gleich Zelten Kedars, gleich 
1 eppichen Salomos — und hat aller Scham vergessen. Denn 
in seinen Augen hat sie Frieden funden. Sie ist sein, und so 
weiß sie von ihm: er ist mein. In diesem seligen Mein, diesem 
absoluten Singular, erfüllt sich ihr das, um dessentwillen sie so 
ängstlich immerfort die Gespielinnen angefleht hat, die Liebe 
ihr nicht zu wecken, ehe denn sie selber erwache: ihre Liebe 
soll nicht ein Fall der Liebe sein, ein Fall im Plural der Fälle, 
den also andre erkennen und bestimmen könnten; es soll ihre 
eigene, unerweckt von draußen allein in ihrem Innern er= 
wachte Liebe sein. Und so ist es geworden. Nun ist sie sein. 
Ist sies? Trennt sie nicht noch auf dem Gipfel der Liebe 
ein letztes? Noch über das »Du bist mein« des Liebenden, 
noch über den Frieden, den die Geliebte in seinen Augen ge 
funden — dies letzte Wort ihres überfließenden Herzens — 
hinaus. Bleibt nicht noch eine letzte Scheidung? Der Ge 
liebte hat ihr im kosenden Namen seine Liebe gedeutet durch 
den Hinweis auf einen geheimen Untergrund geschwisterlichen 
Gefühls. Aber genügt die Deutung? Braucht nicht das Leben 
mehr als Deutung, mehr als Namensanruf, — Wirklichkeit? 
Und aus dem selig übervollen Herzen der Geliebten steigt ein 
Schluchzen und formt sich zu Worten — Worten, die stam 
melnd hinausweisen in ein Unerfülltes, in der unmittelbaren 
Offenbarung der Liebe selber Unerfüllbares: »O wärest du 
mir wie ein Bruder«. Es genügt nicht, daß der Geliebte 
im zitternden Halblicht der Anspielung die Braut beim 
Schwesternamen nennt; der Name müßte Wahrheit sein, im 
hellen Licht der Straße vernommen, nicht im Dämmer kosen 
der Zweieinsamkeit ins geliebte Ohr geflüstert, nein vor den 
Augen der Menge vollgültig — »wer gäbe« das! 
Ja, wer gäbe das? Die Liebe gibt das nicht mehr. Nicht 
mehr an den Geliebten ist dies »Wer gäbe« in Wahrheit ge
        

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