Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCEI 
ihrer Stärke und der Härte ihres Eifers zusammen; die Todes 
kälte des gegenständlich starren Vergangenen wird von ihren 
Feuergluten, Qottesflammen erwärmt. In diesem Sieg der 
lebendigen, gottgeliebten Seele über das Sterbliche ist alles 
gesagt, was noch objektiv über sie gesagt werden kann, näm 
lich nichts über sie selbst, sondern nur über ihr Verhältnis zur 
Schöpfungswelt; über sie selbst, ab=gesehn von der Welt des 
Geschaffenen, kann nur sie selber sprechen. Der Grund liegt 
unter ihr, nicht versunken, aber überwunden. Sie schwebt 
darüber. 
Sie schwebt dahin in den flüchtigen Klängen des Ich. Kaum 
ist ein Ton aufgehallt, so ist er auch schon wieder im näch 
sten verklungen, und rätselhaft und grundlos unerwartet 
klingt er bald wieder, um wieder zu verhallen. Die Sprache 
der Liebe ist lauter Gegenwart; Traum und Wirklichkeit, 
Schlaf der Glieder und Wachen des Herzens, weben sich un 
unterscheidbar ineinander, alles ist gleich gegenwärtig, gleich 
flüchtig und gleich lebendig — gleich dem Reh oder der jun 
gen Gazelle auf den Bergen. Ein Schauer von Imperativen 
geht belebend über diese immergrüne Wiese der Gegenwart 
nieder, von verschieden klingenden, doch immer das gleiche 
meinenden Imperativen: zieh mich dir nach, tu mir auf, komm, 
mach dich auf, eile — es ist immer der gleiche eine 'Imperativ 
der Liebe. Beide, der Liebende wie die Geliebte, scheinen 
hier auf Augenblicke die Rollen zu tauschen, und dann sind 
sie doch wieder deutlich geschieden. Indes er sich mit immer 
neuen Blicken der Liebe in ihre Gestalt hineinsenkt, umfaßt 
sie ihn ganz mit dem einen Blick des Glaubens an seine »Aus- 
erkorenheit unter Tausenden«. Unendlich zart deutet der Lie 
bende mit der leisen, immer wiederkehrenden Anrede »meine 
Schwester Braut« den Grund ihrer Liebe in einer der Liebe 
selbst vergangenen Vorwelt der Schöpfung an und hebt seine 
Liebe damit heraus aus der Flüchtigkeit des Augenblicks; die 
Geliebte war ihm einst »in abgelebten Zeiten meine Schwester 
oder meine Frau«. Und hinwiederum ists die Geliebte, 
die vor ihm, nicht er, der vor ihr sich gering macht;
        

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