Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
fühlen darf. Damit ist nun alle Veranlassung zu einer drama 
tischen Ausdeutung gefallen. Es ist nun alles wieder in der 
lyrischen Zweieinsamkeit des Liebenden und der Geliebten 
beschlossen. Und vor allem ist nun das Gleichnis schon in den 
»ursprünglichsten« Sinn der Lieder zurückverlegt; schon da 
überhöht einen sinnlichen Sinn eine übersinnliche Bedeutung: 
den Hirten, welcher der Bräutigam ist, der König, als den er 
sich fühlt. Das aber ist der Punkt, auf den wir hinauswollen. 
Die Liebe kann gar nicht »rein menschlich« sein. Indem sie 
spricht — und sie muß sprechen, denn es gibt gar kein andres 
aus sich selber Heraussprechen als die Sprache der Liebe — 
indem sie also spricht, wird sie schon ein Übermenschliches; 
denn die Sinnlichkeit des Worts ist randvoll von seinem gött 
lichen Übersinn; die Liebe ist, wie die Sprache selbst, sinn- 
Mch=übersinnlich. Anders gesagt: das Gleichnis ist ihr nicht 
schmückender Zubehör, sondern Wesen. Alles Vergängliche 
mag nur ein Gleichnis sein; aber die Liebe ist nicht »nur«, 
sondern ganz und gar und wesentlich Gleichnis; denn sie ist 
nur scheinbar vergänglich, in Wahrheit aber ewig. Jener 
Schein ist so notwendig wie diese Wahrheit; Liebe könnte 
als Liebe nicht ewig sein, wenn sie nicht vergänglich schiene; 
aber im Spiegel dieses Scheins spiegelt sich unmitelbar die 
Wahrheit. 
Das Vergängliche ist in seiner zeitlichen Gestalt, nämlich 
als Gegenwart, als »pfeilschnell verflogener« Augenblick, im 
Stammwort Ich gradezu der sichtbare oder unsichtbare Träger 
aller Sätze des Hohen Lieds. Es gibt kein Buch in der Bibel, 
in dem verhältnismäßig das Wort Ich so häufig vorkäme wie 
hier. Und zwar nicht bloß das unbetonte, sondern durchaus 
auch das betonte, das ja das eigentliche Stammwort, das laut 
gewordene Nein, ist. Nur noch der Prediger, stark angefressen 
wie er ist, von dem Geist der stets verneint, zeigt annähernd 
ein gleich häufiges Vorkommen des Wortes für das betonte 
Ich. Die Kraft jener grundlegenden Verneinung äußert sich 
auch darin, daß das Hohe Lied als einziges unter allen bib-
        

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