Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
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Es war der Wende des achtzehnten zum neunzehnten 
Jahrhundert Vorbehalten, diese gefühlsmäßig klare, weil in 
der Offenbarung wurzelnde, Ansicht vom Verhältnis des 
Menschlichen zum Göttlichen, des Weltlichen zum Geistlichen, 
der Seele zur Offenbarung, zu verwirren und zu trüben. 
Wenn Herder und Goethe das Hohe Lied als eine Sammlung 
»weltlicher« Liebeslieder in Anspruch nahmen, so war in die 
ser Bezeichnung »weltlich« nicht mehr und nicht weniger 
ausgesprochen, als daß Gott — nicht liebt. Und wirklich war 
ja dies die Meinung. Mochte der Mensch Gott als das Symbol 
des Vollkommenen »lieben« — nimmermehr aber durfte er 
verlangen, daß Gott ihn »wieder«=liebe. Die spinozistische 
Leugnung der göttlichen Liebe zur einzelnen Seele war den 
deutschen Spinozisten willkommen; Gott durfte, wenn er 
denn lieben sollte, höchstens der »allliebende Vater« sein; 
das echte Liebesverhältnis Gottes zur einzelnen Seele wurde 
verneint und damit nun das Hohe Lied zum »rein mensch 
lichen« Liebeslied gemacht. Denn echte Liebe, die eben nicht 
Allliebe ist, gab es nun nur zwischen Menschen. Gott hatte 
aufgehört, die Sprache des Menschen zu sprechen; er verzog 
sich wieder in seine neuheidnisch=spinozistische Verborgen 
heit jenseits des vom Gewölk der »modi« überzogenen 
Himmelsgewölbes der »Attribute«. 
Was diese Erklärung der Sprache der Seele für »rein 
menschlich« bedeutete, wurde erst im weiteren Verlauf klar. 
Herder und Goethe hatten unwillkürlich immer noch so viel 
von der überlieferten Auffassung bewahrt, daß sie das Hohe 
Lied nur als eine Sammlung von Liebesliedern betrachteten, 
ihm also seinen subjektiven, lyrischen, seelenoffenbarenden 
Charakter ließen. Aber nach ihnen ging man weiter auf der 
Bahn. War das Hohe Lied einmal »rein menschlich« zu ver 
stehen, dann konnte man vom »rein Menschlichen« auch den 
Schritt zum »rein Weltlichen« tun. Es wurde also nach Kräf 
ten entlyrisiert. Von allen Seiten versuchte man, dramatische 
Handlung und epischen Inhalt hineinzudeuten; die eigentüm 
liche Unklarheit, mit der sichtlich neben dem Hirten noch ein
        

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