Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
Kunstform bezeichnet. Die Form setzt also das öeschautsein 
der »Vision« voraus; denn ohne dies wäre für den Künstler 
gar nicht die Notwendigkeit vorhanden, sich mit einer Natur 
form auseinanderzusetzen. Aber die Auseinandersetzung ge 
schieht nun nicht etwa auf Grund der Vision; sondern unmit 
telbar und als ob er die Vision vergessen hätte, tritt der 
Künstler nun der Natur gegenüber. Die verborgene Ganzheit 
des Kunstwerks, die sich in der Vision zur räumlichen Man 
nigfaltigkeit gebildet hatte, stürzt sich nun kopfüber in die 
sichtbare Natur, wo immer ihr diese grade vorliegt. Die Ein 
zelheit wird jetzt, anders als in der Vision, in nächster Füh 
lung mit der Natur, ja unmittelbar aus ihr heraus, gebildet. 
Der Wille zum Werk wird immer neu und immer ganz in jede 
Einzelheit, an welcher der Künstler grade im Augenblick 
arbeitet, hineinergossen. Dies ist das, was die Künstler selber 
sehr gut ausdrücken, wenn sie sagen, irgend eine Einzelheit 
sei »mit Gefühl« gearbeitet. Dabei ist nämlich selbstverständ 
lich kein sentimentales, außerktinstlerisches Gefühl gemeint, 
auch kein Gefühl für die Ganzheit der Werkschöpfung, welches 
in der Vision wohl lebendig war, hier aber grade schweigt, 
sondern es handelt sich nur um das Gefühl, das sich in die 
einzelne Naturform hineinversenkt und sie durch die Kraft 
dieses sich Hineinversenkens aus der an sich nur verschwom 
menen, nur in unklarer Vieldeutigkeit sichtbaren, also ästhe 
tisch unsichtbaren, gewissermaßen stummen Naturform zur 
bestimmten, eindeutigen, also ästhetisch sichtbaren, gewisser 
maßen redenden Kunstform umformt. Dies ist der zweite Akt 
in der Entstehung des bildnerischen Kunstwerks. Zur natur 
losen, ästhetisch schöpferischen Schau tritt die liebevolle Be 
lebung des natürlichen Vorwurfs durch die künstlerische 
Form. 
In der Musik liegen die Verhältnisse anders schon dadurch, 
daß, wie vorhin bemerkt, hier die Zeit herrscht und also nicht 
die Einzelheiten mit einem Schlage überblickt werden können. 
Die Setzung der Einzelheiten aus dem Ganzen kann hier also 
nicht wie in der bildenden Kunst schon die innerlich geschaute
        

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