Full text: Der Stern der Erlösung

VOM ALL 
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mehr gab, er selber ist es, an dem nun keiner mehr von denen, 
die philosophieren müssen, vorbei kann. Das furchtbare und 
fordernde Bild des bedingungslosen Gefolgschaftsverhältnisses 
der Seele zum Geist, das war nun nicht mehr auszulöschen. 
Bei den großen Denkern der Vergangenheit hatte die Seele 
etwa die Amme und allenfalls die Erzieherin des Geistes 
spielen dürfen; eines Tags aber war der Zögling erwachsen 
und ging seine eigenen Wege und freute sich der Freiheit und 
unbegrenzten Aussicht; nur mit Grauen gedachte er noch der 
engen vier Wände, in denen er groß geworden war. So genoß 
der Geist gerade sein Freisein von der seelenhaften Dumpf 
heit, in welcher der Ungeist seine Tage verbringt; die Philo 
sophie war dem Philosophen die kühle Höhe, auf die er vor 
den Dünsten der Niederung entwichen war. Für Nietzsche gab 
es diese Scheidung zwischen Höhe und Niederung im eigenen 
Selbst nicht; ganz ging er seinen Weg, Seele und Geist, 
Mensch und Denker eine Einheit bis ans Letzte. 
So wurde der Mensch — nein, nicht der Mensch, sondern 
ein Mensch, ein ganz bestimmter Mensch, zu einer Macht 
über die — nein, über seine Philosophie. Der Philosoph hörte 
auf, quantite negligeable für seine Philosophie zu sein. Der 
Ersatz, den die Philosophie dem, der ihr seine Seele verkaufte, 
in Form von Geist zu geben versprach, wurde nicht mehr für 
voll genommen. Der Mensch, nicht der ins Geistige umge 
setzte, sondern der beseelte, dem sein Geist nur erstarrter 
Hauch seiner lebendigen Seele war, — er als Philosophierender 
war der Philosophie mächtig geworden; sie mußte ihn an 
erkennen, ihn anerkennen als etwas, was sie nicht begreifen, 
dennoch, weil mächtig gegen sie selbst, nicht leugnen konnte. 
Der Mensch in der schlechthinnigen Einzelheit seines Eigen 
wesens, in seinem durch Vor- und Zunamen festgelegten Sein, 
trat aus der Welt, die sich als die denkbare wußte, dem All 
der Philosophie heraus. 
Die Philosophie hatte den Menschen, auch den Menschen 
als »Persönlichkeit«, in der Ethik zu fassen gemeint. Aber das 
war ein unmögliches Bestreben. Denn indem sie ihn faßte,
        

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