Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
MZ 
Einzelheiten gegenüber immer der ungeändert über ihnen 
schwebende Gedanke, der Ursprung, auf dem ihr Dasein in 
ästhetischer Beziehung allein beruht; aber er kann andrer 
seits gar nicht anders als sich in der schöpferischen Hervor 
bildung dieser Einzelheiten betätigen, denen gegenüber er 
dann als Grund, Ursprung, ästhetischer Einheitspunkt stehen 
bleibt. Als »episch« dürfen wir diese Eigenschaft des Werks, 
frei aus dem einen Gedanken des Ganzen entsprungene Fülle 
zu sein, wohl bezeichnen, weil es sich hier um das breit — 
man spricht nicht umsonst von »epischer Breite« — ausge 
führte Inhaltliche handelt; das »Inhaltliche« nicht als einen 
vor dem Werk liegenden Inhalt verstanden, sondern im Gegen 
teil grade nur als das was im Werk selber alles enthalten ist. 
Die Frage etwa, ob diese oder jene Wendung, dieser oder 
jener Vers, oder was mir sonst gerade durch den Kopf geht, 
in diesem oder jenem Werk »vorkommt«, ist die Frage nach 
4t» 
dem »Inhalt« des Werks in dem Sinn, wie wir das Wort hier 
verstehen. 
Den Inhalt im anderen Sinn, nämlich als das dem Kunst 
werk Vorausgehende, aber im Kunstwerk nun erst ästhetisch 
Beseelte, konnten wir im Gegensatz zu jenem »Epischen« als 
das »Lyrische« des Werks bezeichnen. Denn lyrisch ist ja die 
Selbsthingabe an den einzelnen Moment, das Vergessen der 
eigenen Ganzheit und der Vielheit der Dinge. Das Ganze des 
Werks muß eben, wie es einerseits als gemeinsamer ästhe 
tischer Beziehungspunkt hinter der Fülle der Einzelheiten 
steht, andrerseits doch auch über jeder Einzelheit vergessen 
werden können. Und diese Einzelheit muß so sein, daß über 
ihr alle andern Einzelheiten vergessen werden können. Diese 
ästhetische Vereinzelung des Einzelnen, diese »Einzelschön 
heit«, entsteht in jener Selbstpreisgabe des Ganzen, durch 
welche die jeweils grade betroffene Einzelheit selber zu einem 
kleinen Ganzen wird; die ganze Tiefe der Beseeltheit kann so 
in ihr sich öffnen. Das ist eben die »lyrische« Schönheit des 
Augenblicks, die nur dadurch im Ganzen des Kunstwerks mög 
lich wird, daß dies "Ganze sich ganz in den einzelnen Augen
        

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