Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
Z J± 
Gleich das oberste Begriffsverhältnis, das wir hier zu be 
trachten haben, wird uns das lehren. Das Werk ist genau so 
alt wie sein Urheber. Der Urheber selbst wurde Urheber erst, 
indem er Urheber des Werks wurde. Das Genie wird ja, wie 
wir ausgeführt haben, nicht geboren. Und im Augenblick, wo 
das vorästhetische Ganze eines Menschen, seine »Individua 
lität«, seine »Persönlichkeit«, den Genius in ihm frei zum Werk 
macht, ist auch das Werk da. Denn das Hereinbrechen des 
Selbst über die Persönlichkeit geschieht gleichzeitig mit der 
Konzeption des Werks. Es gibt eben kein »verhindertes« 
Genie; das könnte es nur geben, wenn das Werk jünger wäre 
als der Urheber, aber sie sind gleich alt; wo das Genie er 
wacht, beginnt auch das Werk zu erscheinen. So erscheint 
das Werk also nicht im Genie und aus dem Genie, obwohl es 
begrifflich das Entstandensein des Genies im Menschen vor 
aussetzt; es hat selbst seinen eigenen Entstehungsgang im 
Menschen. Während die Entstehung des Genies Freiwerden 
einer vorher gar nicht feststellbaren charakteristischen Be 
stimmtheit, eben des Genies, von der vorgenialen Ganzheit 
des Menschen ist, geschieht die Entstehung des Werks so, daß 
jene menschliche Ganzheit auf sich selbst Verzicht tut zu s 
gunsten eines Etwas, von dem sie selber nicht meint, daß es 
aus ihr hervorgegangen wäre, sondern das ihr erscheint wie 
ein ihr Gegenüberstehendes, dem sie dadurch, daß sie sich 
daran weggibt, Leben und Seele einhaucht. Das Werk wird 
aus dem Vorästhetischen, dem Stoff, dem Inhalt, durch den 
schranken- und bedenkenlos in es hineinergossenen liebenden 
Überfluß der menschlichen Ganzheit, die sein Urheber wird, 
zum Beseelten; der Stoff wird Werk, der Inhalt Gehalt. Es 
ist ganz deutlich, daß diese Beseelung des Stoffes, dieses Wer 
den des Inhalts zum Gehalt nicht vom Menschen als Urheber 
ausgeht, sondern von dem ganzen Menschen, in dem der Ur 
heber selber erst entstehen konnte. Der Urheber verliert sich 
nicht in sein Werk, ganz und gar nicht; aber der Mensch als 
vielfältiges Ganzes büßt seine Ganzheit und Geschlossenheit 
ein und versenkt sich selbstvergessen in den schlafenden
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.