Full text: Der Stern der Erlösung

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OFFENBARUNG 
eben dadurch, daß man sie nicht als vollwertige Menschen 
anerkennt, und es ist kein Zufall, daß viele große Künstler 
einmal der Lüge des Künstlerlebens den Abschied gaben und 
ihren Zauberstab mit Prospero ins Meer schleudern, um als 
einfache Sterbliche in irgend einem Stratford ihr Leben 
menschlich zu beschließen. Denn während der Denker seine 
Gedanken, der Täter seine Taten einst vor Gottes Thron 
niederlegen wird, um mitten unter ihnen gerichtet zu werden, 
weiß der Künstler, daß seine Werke ihm nicht nachfolgen 
und er sie auf der Erde zurücklassen muß, aus der sie, wie 
alles, was nicht dem ganzen Menschen angehört, gekommen 
sind. 
Für die Kunst also werden wie für alles Empirische die 
Stationen der Wirklichkeit zu bloßen Kategorien. Die Kunst 
ist hier gewissermaßen der Erstling und Repräsentant alles 
»Empirischen«. Denn für alles Halb- und Viertelswirkliche — 
und das ist ja das, stets vereinzelte, Empirische — gilt mit, 
was für sie gilt. Nur daß an der Kunst allein sich dieser Kate 
goriecharakter der »Begriffe« Schöpfung, Offenbarung, Er 
lösung lückenlos aufzeigen läßt; denn sie ist unter allem Em 
pirischen, allem bloß Gliedwirklichen, das einzige Notwendige. 
Wenn es keine Schuster gäbe, dann würden die Menschen 
barfuß gehen, aber sie würden auch gehen. Aber wenn es 
keine Künstler gäbe, dann wäre die Menschheit ein Krüppel; 
denn es fehlte ihr dann die Sprache vor der Offenbarung, 
durch deren Dasein allein die Offenbarung ja die Möglichkeit 
hat, als historische Offenbarung in die Zeit einmal einzutreten 
und dort sich zu erweisen als etwas, was schon von uran ist. 
Lernte der Mensch wirklich erst in dem Augenblick sprechen, 
den wir als den historischen Anfang der Offenbarung erkennen 
müssen, so wäre die Offenbarung das, was sie nicht sein darf: 
ein Wunder ohne Zeichensinn. Aber weil der Mensch in Wirk 
lichkeit die Sprache in der Kunst auch schon zu einer Zeit 
besitzt, wo ihm sein Inneres noch unaussprechlich ist, die 
Kunst eben als Sprache dieses sonst noch Unaussprechlichen, 
so ist immerfort und also von der Schöpfung her die Sprache
        

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