Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
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Das »Ich bin dein« der geliebten Seele kann grundlos 
gesagt werden, ja nur grundlos. Die Seele spricht es rein aus 
dem lebendigen Überfluß ihres seligen Augenblicks. Aber die 
Antwort, das »Du bist mein« des Liebenden, ist als ein Satz, 
der nicht das Ich zum Subjekt hat, mehr als nur Wort des 
eigenen Herzens, es stellt, und wenn auch nur im engsten, 
innersten Kreise, eine Beziehung in die Welt der Dinge hinein. 
So darf dies Wort nur gesprochen werden, wenn es sich der 
Form der Welt anpaßt. Es muß ihm ein Grund vorangeschickt 
werden, eine Vergangenheit als Begründung seiner Gegen 
wart; denn diese Gegenwart will nicht mehr bloß die innere 
unmittelbare Gegenwart sein, sondern behauptet sich als 
Gegenwart in der Welt. Der Liebende, der zur Geliebten 
spricht »Du bist mein«, ist sich bewußt, daß er die Geliebte 
in seiner Liebe erzeugt und mit Schmerzen geboren hat. Er 
weiß sich als den Schöpfer der Geliebten. Und mit diesem 
Bewußtsein umschließt er sie nun und hüllt sie mit seiner 
Liebe ein in der Welt — »du bist mein«. 
Indem aber Gott so tut, ist seine Offenbarung an die Seele 
nun in die Welt getreten und zu einem Stück Welt geworden. 
Nicht als ob mit ihr etwas Fremdes in die Welt träte. Sondern 
die Offenbarung, obwohl sie dabei ganz gegenwärtig bleibt, 
erinnert sich rückwärts ihrer Vergangenheit und erkennt ihre 
Vergangenheit als ein Stück vergangener Welt; damit aber 
gibt sie auch ihrer Gegenwärtigkeit die Stellung eines Wirk 
lichen in der Welt. Denn was in einer Vergangenheit ge 
gründet ist, das ist auch in seiner Gegenwärtigkeit nicht bloß 
innerlich, sondern ein sichtbar Wirkliches. Die Geschichtlich 
keit des Offenbarungswunders ist nicht sein Inhalt — der ist 
und bleibt seine Gegenwärtigkeit —, aber sein Grund und 
seine Gewähr. Erst in dieser seiner Geschichtlichkeit, dieser 
»Positivität«, findet der selbsterlebte Glaube, nachdem er aus 
sich selbst heraus schon die höchste ihm bestimmte Seligkeit 
erfahren hat, nun auch die höchste ihm mögliche Gewißheit. 
Diese Gewißheit geht jener Seligkeit nicht voran, aber sie muß 
ihr folgen. Erst in dieser Gewißheit der vorlängst ge
        

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