Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
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haftigkeit nichts ist als das Liebesgeständnis der Seele in 
seinem Hervortreten aus den Fesseln der Scham bis zur völ 
ligen vertrauensvollen Hingegebenheit. Die Seele, die ihr in 
der Liebe Sein gesteht, bezeugt damit aufs gewisseste das Sein 
des Liebenden. Alles Glaubensbekenntnis hat nur den einen 
Inhalt: der, den ich im Erlebnis meiner Geliebtheit als den 
Liebenden erkannt habe, — er ist. Der Gott meiner Liebe ist 
wahrhaftig Gott. 
Das Bekenntnis des Islam »Gott ist Gott« ist kein Glau 
bens*, sondern ein Unglaubensbekenntnis; es bekennt sich in 
seiner Tautologie nicht zum offenbargewordenen, sondern zum 
verborgenen Gott; mit Recht sagt der Cusaner, daß so auch 
der Heide, auch der Atheist bekennen könne. Im echten 
Glaubensbekenntnis geschieht immer diese Vereinigung zweier 
sei es Namen sei es Naturen: es ist immer dies Zeugnis, daß 
das eigene Liebeserlebnis mehr sein muß als ein eigenes Er 
lebnis; daß der, den die Seele in seiner Liebe erfährt, nicht 
bloß Wahn und Selbsttäuschung der geliebten Seele ist, 
sondern wirklich lebt. Gleich wie die Geliebte, indem sie sich 
ihrer Liebe im seligen Geständnis bewußt wird, gar nicht 
anders kann, sie muß glauben, daß der Geliebte ein rechter 
Mann ist, sie kann sich nicht begnügen damit, daß es der ist, 
der sie liebt, so wird die Seele sich in ihrer Geliebtheit gewiß, 
daß der Gott, der sie liebt, wahrhaft Gott, der wahre Gott ist. 
Und wie in diesem Glauben der Geliebten an den Liebenden 
dieser erst wirklich zum Menschen wird — im Lieben erwacht 
wohl die Seele und beginnt zu sprechen, aber Sein, sich selber 
sichtbares Sein gewinnt sie erst im Geliebtwerden —, so ge 
winnt nun auch Gott erst hier, im Zeugnis der gläubigen Seele, 
von seiner Seite, diesseits seiner Verborgenheit die schmeck- 
und sichtbare Wirklichkeit, die er zuvor, jenseits seiner Ver 
borgenheit, einst im Heidentum in andrer Weise besessen 
hatte. Indem die Seele vor Gottes Antlitz bekennt und damit 
Gottes Sein bekennt und bezeugt, gewinnt auch Gott, der 
offenbare Gott, erst Sein: »wenn ihr mich bekennt, so bin ich«. 
Was antwortet nun Gott diesem ihn bekennenden »Ich bin 
dein« der geliebten Seele?
        

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