Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
reinigen, sondern ijn Angesicht seiner Liebe reinigt sie sich 
selber; im gleichen Augenblick, wo die Scham von ihr ge 
wichen ist und sie im freien, gegenwärtigen Geständnis sich 
hingibt, ist sie der göttlichen Liebe gewiß, so gewiß, als ob 
Gott selbst ihr jenes zuvor, als sie ihm die Sünden der Ver 
gangenheit beichtete, ersehnte »Ich verzeihe« ins Ohr gesagt 
hätte: sie bedarf dieser förmlichen Absolvierung jetzt nicht 
mehr, sie ist ihrer Last ledig im Augenblick, wo sie sie ganz 
auf die Schultern zu nehmen gewagt hat. So braucht auch die 
Geliebte das, ehe sie ihre Liebe gestanden, ersehnte Bekennt 
nis des Liebenden nicht mehr; im Augenblick, wo sie selber 
wagt zu gestehen, ist sie seiner Liebe so gewiß, als flüsterte 
er ihr sein Bekenntnis ins Ohr. Das Bekenntnis der noch 
gegenwärtigen Sündhaftigkeit, um dessentwillen allein die ver 
gangene Sünde überhaupt gebeichtet wird, ist schon nicht 
mehr Sündenbekenntnis — das ist da vergangen wie die be 
kannte Sünde selbst —, es bekennt nicht die Liebeleere der 
Vergangenheit, sondern die Seele spricht: ich liebe auch jetzt, 
auch in diesem gegenwärtigsten der Augenblicke noch lange 
nicht so, wie ich — mich geliebt weiß. Dies Bekenntnis aber 
ist ihr schon höchste Seligkeit; denn es umschließt die Gewiß 
heit, daß Gott sie liebt. Nicht aus Gottes, sondern aus ihrem 
eigenen Munde kommt ihr diese Gewißheit. 
Indem die Seele also auf diesem höchsten Punkt ihres Sich- 
selberbekennens, aller Scham befreit, sich ganz vor Gott aus 
breitet, ist ihr Bekennen schon mehr als sich selber, mehr als 
die eigene Sündhaftigkeit Bekennen; es wird nicht erst, 
sondern ist schon unmittelbar Bekennen — Gottes. Wie die 
Seele sich der Scham begibt und sich zu ihrer eigenen Gegen 
wart zu bekennen wagt und also der göttlichen Liebe gewiß 
wird, kann sie nun diese göttliche Liebe, die sie erkannt hat, 
bezeugen und bekennen. Aus dem Sündenbekenntnis springt 
hervor das Glaubensbekenntnis; ein Zusammenhang, der un 
begreiflich wäre, wüßten wir nicht, daß das Sündenbekenntnis 
sowohl in seinen Anfängen als Beichte des Vergangenen wie 
in seiner Vollendung als Bekenntnis der gegenwärtigen Sünd
        

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