Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
Stehendes, Stetes; so darf sie zu ihr stehen, darf sie gestehen. 
Auch ihre Liebe ist gegenwärtig, aber anders als die des 
Liebenden, gegenwärtig nur weil sie dauernd, weil sie treu 
ist. Im Bekenntnis wird sie gestanden als solch ein Gegen 
wärtiges, das Dauer hat, Dauer haben will. Für die Zukunft 
scheint dem Bekenntnis alles hell und licht; die Geliebte ist 
sich bewußt, in Zukunft nur weiter sein zu wollen, was sie ist: 
Geliebte. Aber in der Vergangenheit zurück gibt es eine Zeit, 
wo sie es noch nicht war, und diese Zeit der Ungeliebtheit, 
der Lieblosigkeit, scheint ihr mit tiefem Dunkel bedeckt; ja 
weil ihr die Liebe nur als Treue zum Dauernden wird, also 
nur im Hinblick auf die Zukunft, so füllt jenes Dunkel die 
ganze Vergangenheit bis hart an den Augenblick des Bekennt 
nisses heran. Erst das Bekenntnis reißt die Seele hinein in 
die Seligkeit des Geliebtseins; bis zu ihm ist alles Lieblosig 
keit, und selbst die Bereitschaft, in der dies beim Namen 
gerufene Selbst sich zur Seele öffnete, liegt noch mit in jenem 
Schatten. Darum ist es der Seele nicht leicht, zu gestehen. 
Im Geständnis der Liebe entblößt sie sich selbst. Es ist süß 
zu gestehen, daß man wiederliebt und inskünftige nichts als 
geliebt sein will; aber es ist hart zu gestehen, daß man in der 
Vergangenheit ohne Liebe war. Und doch wäre die Liebe 
nicht das Erschütternde, Ergreifende, Umreißende, wenn die 
erschütterte, ergriffene, umgerissene Seele nicht sich bewußt 
wäre, däß sie bis zu diesem Augenblick unerschüttert und 
unergriffen gewesen wäre. Es war also erst eine Erschütte 
rung nötig, damit das Selbst geliebte Seele werden konnte. 
Und die Seele schämt sich ihres vergangenen Selbst und daß 
sie nicht aus eigener Kraft diesen Bann, in dem sie lag, 
gebrochen hat. Das ist die Scham, die sich vor den geliebten 
Mund legt, der bekennen will; er muß seine vergangene und 
noch gegenwärtige Schwachheit bekennen, indem er seine 
schon gegenwärtige und zukünftige Seligkeit bekennen möchte. 
Und so schämt sich die Seele, der Gott sein Liebesgebot zu 
ruft, ihm ihre Liebe zu bekennen; denn sie kann ihre Liebe 
nur bekennen, indem sie ihre Schwachheit mitbekennt und dem 
»Du sollst lieben« Gottes antwortet: Ich habe gesündigt.
        

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