Full text: Der Stern der Erlösung

12 
ERSTER TEIL: EINLEITUNG 
auf der Höhe des Systems als oberstes Seinsgesetz wieder 
kehrt. Und dieses eine Denk- und Seinsgesetz ist in der Offen 
barung weltgeschichtlich zuerst verkündet, so daß die Philo 
sophie gewissermaßen nur die Erfüllerin des in der Offen 
barung Verheißenen ist. Und hinwiederum übt sie dies Amt 
nicht gelegentlich bloß oder etwa nur im Höhepunkt ihrer 
Bahn, sondern in jedem Augenblick, gewissermaßen mit jedem 
Atemzug, den sie tut, bestätigt die Philosophie unwillkürlich 
die Wahrheit dessen, was die Offenbarung ausgesagt hatte. So 
scheint der alte Streit geschlichtet, Himmel und Erde versöhnt. 
Doch es war nur Schein, die Lösung der Glaubensfrage so 
gut wie die Selbstvollendung des Wissens. Ein sehr.schein 
barer Schein allerdings; denn wenn jene ersterwähnte Vor 
aussetzung gilt und alles Wissen auf das All geht, in ihm be 
schlossen, aber auch in ihm allmächtig ist, dann freilich war 
jener Schein mehr als Schein, dann war er Wahrheit. Wer 
hier noch Widerspruch erheben wollte, der mußte einen Archi- 
medespunkt außerhalb jenes wißbaren All unter seinen Füßen 
spüren. Von einem solchen Archimedespunkt aus bestritt ein 
Kierkegard, und er nicht allein, die Hegelsche Einfügung der 
Offenbarung ins All. Der Punkt war das eigene, SörenKierke- 
gardsche oder sonst irgendwie mit Vor- und Zunamen ge 
zeichnete, Bewußtsein der eigenen Sünde und eigenen Er 
lösung, das einer Auflösung in den Kosmos weder bedürftig 
noch zugänglich war; nicht zugänglich: denn mochte auch alles 
an ihr ins Allgemeine zu übersetzen sein, — die Behaftetheit 
mit Vor- und Zunamen, das Eigene im strengsten und engsten 
Sinn des Worts blieb übrig, und gerade auf dies Eigene kam 
es, wie die Träger solcher Erfahrungen behaupteten, an. 
Immerhin stand hier Behauptung gegen Behauptung. Die 
Philosophie wurde einer Unfähigkeit, genauer einer Unzuläng 
lichkeit geziehen, die sie selber nicht zugeben, weil nicht er 
kennen konnte; denn falls hier wirklich ein ihr jenseitiger 
Gegenstand vorlag, so hatte sie sich eben selbst, gerade in der 
abschließenden Gestalt, die sie unter Hegel annahm, den Blick 
in dieses wie in jedes Jenseits verschlossen; der Einwand be
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.