Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
Treue. Nicht so, daß etwa in der geliebten Seele noch selber 
Trotz wäre; dieser Trotz ist in ihr ganz Treue geworden; 
aber die Kraft des Festhaltens, welche die geliebte Seele gegen 
die Liebe, mit der sie geliebt wird, bewährt, diese Kraft der 
Treue stammt ihr aus dem in sie eingegangenen Trotz des Selbst. 
Und weil die Seele ihn hält, deshalb läßt sich Gott von ihr 
halten. So gibt die Eigenschaft der Treue ihr Kraft, dauernd 
in der Liebe Gottes zu leben. Und so geht auch vom Geliebten 
eine Kraft aus, keine Kraft ständig neuer Antriebe, sondern 
das stille Leuchten eines großen Ja, worin das sich allzeit 
selbst verleugnende Lieben des Liebenden das findet, was es 
in sich selbst nicht finden könnte: Bejahung und Dauer. Der 
treue Glaube der Geliebten bejaht die im Augenblick ge 
bundene Liebe des Liebenden und verfestigt auch sie zu 
einem Dauernden. Das ist die Gegenliebe: der Glaube der 
Geliebten an den Liebenden. Der Glaube der Seele bezeugt 
in seiner Treue die Liebe Gottes und gibt ihr dauerndes Sein. 
Wenn ihr mich bezeugt, so bin ich Gott, und sonst nicht — so 
läßt der Meister der Kabbalah den Gott der Liebe sprechen. 
Der Liebende, der sich in der Liebe preisgibt, wird in der 
Treue der Geliebten aufs neue geschaffen und nun auf 
immer. Das »auf ewig«, das die Seele im ersten Überschauert 
werden von der Liebe des Liebenden in sich vernimmt, ist 
keine Selbsttäuschung, bleibt nicht in ihrem Innern; es erweist 
sich als eine lebendige, schöpferische Kraft, indem es die 
Liebe der Liebenden selber dem Augenblick entreißt und sie 
einfürallemal — verewigt. Die Seele ist in Gottes Liebe stille 
wie ein Kind in den Armen der Mutter, und nun kann sie über 
das äußerste Meer und an die Pforten des Grabes — und ist 
doch immer bei Ihm. 
D iese Stille der Seele in ihrer aus der Nacht des Trotzes 
auferstandenen Treue ist das große Geheimnis des 
Glaubens, und wiederum erweist sich der Islam als die äußere 
unbegriffene Aufnahme dieser Begriffe; wieder hat er sie ganz 
— bis auf die innere Umkehr, und wieder also hat er sie gar
        

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