Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
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sives ist doch sonst nicht Eigenschaft, sondern abhängig da 
von, ob ein Aktives seine Aktivität an ihm ausübt. Und nun 
ist hier die Aktivität gar eine augenblickshafte, und dennoch 
soll ihre Wirkung dem Passiven eine dauernde Eigenschaft 
verleihen? Unsere Fragen sind auch hier wieder die Fragen, 
welche die Dogmatik von Anfang an bei diesem Begriff der 
Gottgeliebtheit der Seele beunruhigt haben. Wird nicht Gottes 
Macht hier eine unleugbare Schranke gezogen, wenn die gott 
geliebte Seele für sich dauernde Gottgeliebtheit beansprucht? 
Muß Gott nicht die Freiheit haben, sich von der Seele zurück 
ziehen zu können? Wohl wäre es zu begreifen, wenn er sich 
solcher Freiheit entäußert hätte gegenüber einer Treue, die ihn 
hielte. Aber wie kann die Seele sich unterstehen, treu sein zu 
wollen, wenn sie doch nichts ist als das Geliebte? Ist Treue 
nicht etwas, was nur der Liebende haben kann, und auch er 
nicht als Eigenschaft, sondern nur in der Tat der steten 
Erneuerung seines Liebens? Kann, ja darf Treue dauernde, 
ruhige Eigenschaft sein wollen? und als solche will das Ge 
liebte sie besitzen. 
Antwort auf all diese Zweifel gibt uns die geheime Vor 
geschichte der Seele im Selbst. Gewiß, wäre die Seele ein 
Ding, nimmer könnte sie treu sein. Wohl kann auch ein Ding 
geliebt sein, und selbst jene Treue der stets erneuerten Liebe 
kann ihm gewidmet werden, aber es selber kann nicht treu 
sein. Die Seele aber kanns. Denn sie ist kein Ding und hat 
ihren Ursprung nicht in der Welt der Dinge. Sie entspringt 
aus dem Selbst des Menschen, und zwar ist es der Trotz, der 
in ihr nach außen tritt. Der Trotz, der in steten Aufwallungen 
den Charakter behauptet, er ist der geheime Ursprung der 
Seele; er ists, der ihr die Kraft des Haltens, des Festhaltens 
gibt. Ohne die Stürme des Trotzes im Selbst wäre die Meeres 
stille der Treue in der Seele nicht möglich. Der Trotz, dieses 
dunkel aufkochende Urböse im Menschen, ist die unter 
irdische Wurzel, aus der die Säfte der Treue in die gott 
geliebte Seele steigen. Ohne die finstre Verschlossenheit des 
Selbst keine lichte Offenbarung der Seele, ohne Trotz keine
        

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