Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
215 
zu spüren, so fühlt er sich nun nach der Umkehr selber von 
Schauern der Ehrfurcht überschauert und doch von ihnen ge 
tragen. Das Wort des griechischen Theoretikers der Tragödie 
und das Wort, das die Offenbarung, als sie griechisch reden 
lernte, sich wählte, ist ein und dasselbe: Phobos. Die Ehr 
furcht reißt die in der Kunst- und Scheinwelt der Tragödie 
Getrennten, den Helden und den Zuschauer in eins; das leb 
lose Bild wird nun selber erfüllt von dem Leben, das es bis 
her bloß im Betrachter erweckt, und also lebendig; es kann 
nun seinen Mund auftun und reden. 
Demiitig=stolze Ehrfurcht, Gefühl der Abhängigkeit zu 
gleich und des sicheren Geborgenseins, der Zuflucht in ewigen 
Armen — siehe da, ist nicht auch dies wieder die Liebe? Nur 
freilich nicht der Liebende ruht in solchem Bewußtsein, 
sondern das Geliebte. Es ist die Liebe des Geliebten, die wir 
hier beschreiben. Das Geliebte weiß sich also getragen von 
der Liebe des Liebenden und darin geborgen. Was dem 
Liebenden ein immer zu erneuernder Augenblick ist, das 
Geliebte weiß es als ewig, immer und ewig. »Immer« ist das 
Wort, das über seiner Liebe geschrieben steht. Sie ist nie 
größer als im Augenblick, wo sie erweckt wird; sie kann 
nicht mehr wachsen, aber sie kann auch nicht abnehmen, sie 
kann höchstens sterben: das Geliebte ist treu. Sein Geliebt 
sein ist die Luft, in der es lebt. Die Liebe des Liebenden ist 
ein immer neu sich ihm entzündendes Licht; der Augenblick 
des Aufleuchtens gibt ihr die Gegenwärtigkeit. Die Liebe des 
Geliebten sitzt still zu den Füßen der Liebe des Liebenden; 
ihr gibt Gegenwärtigkeit nicht der einzelne, immer neue 
Augenblick, sondern die ruhige Dauer; weil sie sich »immer« 
geliebt weiß, nur deshalb weiß sie sich geliebt in jedem Augen 
blick. Nur der Liebende hat die Geliebte alle Tage ein 
bißchen lieber; die Geliebte spürt in ihrem Geliebtsein nichts 
von dieser Steigerung. Nachdem sie einmal die Schauer des 
Geliebtseins überschauert haben, bleibt sie darin bis ans 
Ende. Sie ist zufrieden, geliebt zu sein — was fragt sie nach 
Himmel und Erde? Was fragt sie selbst nach der Liebe des
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.