Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
liehe Äußerungen von besonders charakteristischer Physio 
gnomie zugehörten, — was ist das für ein Stolz? Es müßte 
ein Stolz sein, der nicht stolz »auf« dieses oder jenes wäre, 
denn dann wäre er zwar Eigenschaft, aber nur Eigenschaft 
unter Eigenschaften, nicht wesentliche Eigenschaft, in der 
der ganze Mensch zu ruhen vermag. Das Wort »Stolz« ist 
vielleicht zu sehr nach der andern Seite belastet; es klingt zu 
viel von Hochmut mit darin, Hochmut, dessen echte Äußerung 
eben nur der Trotz ist. Und doch steht der Stolz rein in der 
Mitte zwischen Trotz und jener Umkehrung des Trotzes, die 
wir suchen. Er kann sich »äußern«; dann wird er ganz von 
selbst hochmütiger Trotz, Hybris; aber er kann auch ganz 
jenseits allen Gedankens an Äußerung einfach nichts weiter 
als sein. Solch einfach seiender Stolz aber, in welchem dann 
der Mensch stille ist und sich tragen läßt, ist nun freilich das 
reine Gegenteil des stets neu aufwallenden Trotzes. Es ist die 
Demut. 
Auch die Demut ist ja ein Stolz. Nur Hoffart und Demut 
sind gegensätzlich. Aber die Demut, die sich bewußt ist, von 
eines Höheren Gnaden zu sein was sie ist, sie ist so sehr 
Stolz, daß jenes Bewußtsein des Gottesgnadentums selber 
geradezu für ein hoffärtiges Bewußtsein gehalten werden 
konnte. Die Demut ruht im Gefühl des Geborgenseins. Sie 
weiß, daß ihr nichts geschehen kann. Und sie weiß, daß ihr 
keine Macht dies Bewußtsein rauben kann. Es trägt sie, wo 
hin sie auch gehen mag. Sie bleibt immer von ihm umgeben. 
Die Demut allein ist ein solcher Stolz, der vor allen Aufwal 
lungen sicher, aller Äußerungen unbedürftig ist und der für 
den Menschen, der ihn hat, eine schlechthin notwendige 
Eigenschaft bedeutet, in der er sich bewegt, weil er es gar 
nicht mehr anders weiß. Und diese Demut in ihrer stolz=ehr- 
fiirchtigen Selbstverständlichkeit ist \dennoch weiter nichts 
als der aus seiner stummen Verschlossenheit heraus- und 
hervortretende Trotz. Wie dieser, wo er als tragische Hybris 
sichtbare Gestalt annahm, bei der schaulustigen Menge 
Schauer der Furcht erregte, ohne doch selber etwas davon
        

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