Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH 
dieses sieghafte Heute einmal verschlungen, diese Liebe ist 
der ewige Sieg über den Tod; die Schöpfung, die der Tod 
krönt und schließt, kann ihr nicht Stand halten; sie muß sich 
ihr ergeben in jedem Augenblick und darum schließlich auch 
in der Fülle aller Augenblicke, in der Ewigkeit. 
W as so als Enge des Begriffes der göttlichen Liebe er 
scheint, wie ihn der Glaube faßt, nämlich daß diese 
Liebe nicht wie das Licht als wesenhafte Eigenschaft nach 
allen Seiten strahlt, sondern in rätselhaftem Ergreifen Ein 
zelne ergreift — Menschen, Völker, Zeiten, Dinge —, unbe 
rechenbar in diesem Ergreifen bis auf die eine Gewißheit, 
daß sie einmal auch das noch Unergriffene ergreifen wird: 
diese scheinbare Engherzigkeit macht die Liebe erst wahrhaft 
zur Liebe; nur so, indem sie sich in jeden Augenblick ganz 
hineinwirft, und sei es, daß sie alles andere darum vergißt, nur 
so kann sie schließlich alles wirklich ergreifen; ergriffe sie 
alles mit einem Male, was wäre sie anders als schon die 
Schöpfung war? Denn auch die Schöpfung schuf alles mit 
einem Male und wurde so zur immerwährenden Vergangen 
heit; eine Liebe, die alles von vornherein ergriffen hätte, wäre 
eben auch nur ein Vonvornherein, nur eine Vergangenheit, 
und nicht was Liebe erst zur Liebe macht: Gegenwart, reine, 
unvermischte Gegenwart. 
Solche Vergangenheit bestimmt den Begriff des Offen 
barem im Islam. Hier ist, genau wie im vorigen Buch der Be 
griff des Schöpfers, der des Offenbarers unmittelbar, ohne 
jene vielberufene Umkehr des Ja und des Nein, aus dem 
lebendigen Gott des Mythos hervorgegangen. Wie sich da 
mals die Schöpferwillkür nicht zur Schöpferweisheit ver 
festigte, so bleibt jetzt die Offenbarung göttliche Eigenschaft, 
Notwendigkeit des göttlichen Wesens; der Augenblick kommt 
nicht über sie; sie wird nicht selbstverleugnende Leiden 
schaft; sie ähnelt so der Schöpfung, nicht der Schöpfung 
nach dem Begriff des Islam, welche freie, unnotwendige Tat 
der göttlichen Willkür ist, aber der Schöpfung nach dem Be
        

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