Full text: Der Stern der Erlösung

OFFENBARUNG 
207 
schenkt sich in der Liebe. Die Geliebte empfängt das 
Geschenk; dies, daß sie es empfängt, ist ihre Gegengabe, aber 
im Empfangen bleibt sie bei sich und wird ganz ruhend und in 
sich selige Seele. Aber der Liebende — er entringt seine 
Liebe dem Stamm seines Selbst, wie der Baum sich seine 
Zweige entringt, jeder Ast entbricht dem Stamm und weiß 
nichts mehr von ihm, den er verleugnet; aber der Baum steht 
da im Schmuck seiner Äste, die zu ihm gehören, ob sie gleich 
ein jeder ihn verneinen; er hat sie nicht freigelassen, er ließ 
sie nicht zu Boden fallen wie reife Früchte; jeder Zweig ist 
sein Zweig und ist doch ganz Zweig für sich, an eigener, nur 
ihm allein eigener Stelle hervorgebrochen und dieser Stelle 
dauernd verbunden. So ist die Liebe des Liebenden in den 
Augenblick ihres Ursprungs eingewachsen, und weil sie das 
ist, muß sie alle andern Augenblicke, muß sie das Ganze des 
Lebens verleugnen; sie ist treulos in ihrem Wesen, denn ihr 
Wesen ist der Augenblick; und so muß sie sich, um treu zu 
sein, jeden Augenblick erneuen, ein jeder Augenblick muß ihr 
zum ersten Blick der Liebe werden. Nur durch diese Ganz 
heit in jedem Augenblick kann sie ein Ganzes geschaffenen 
Lebens ergreifen, aber dadurch kann sie es auch wirklich; sie 
kanns, indem sie dieses Ganze mit immer neuem Sinn durch 
läuft und bald dies, bald jenes Einzelne darin bestrahlt und 
belebt, — ein Gang, der, alle Tage neu beginnend, nie an sein 
Ende zu kommen braucht, der jeden Augenblick, weil er ganz 
in diesem Augenblick ist, auf der Höhe zu sein meint, über 
die nichts mehr hinausliegt, und dennoch mit jedem neuen 
Tag erfährt, daß er das Stück Leben, das er liebt, noch nie 
so sehr geliebt hat wie heute; alle Tage hat Liebe das Ge 
liebte ein bißchen lieber. Diese stete Steigerung ist die Form 
der Beständigkeit in der Liebe, indem und weil sie doch 
höchste Unbeständigkeit und nur dem einzelnen gegenwär 
tigen Augenblick gewidmete Treue ist; sie kann aus tiefster 
Untreue so zur beständigen Treue werden und nur daraus; 
denn nur die Unbeständigkeit des Augenblicks befähigt sie, 
jeden Augenblick wieder für neu zu erleben und so die Fackel
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.