Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITES BUCH 
OFFENBARUNG 
ODER 
DIE ALLZEITERNEUERTE GEBURT 
DER SEELE 
S TARK wie der Tod ist Liebe. Stark wie der Tod? 
Gegen wen denn erweist der Tod seine Stärke? Gegen 
den, den er ergreift. Und die Liebe — gewiß, sie 
ergreift beide, den Liebenden wie die Geliebte. Aber die 
Geliebte anders als den Liebenden. Im Liebenden nimmt sie 
ihren Ursprung. Die Geliebte wird ergriffen, ihre Liebe ist 
schon Antwort auf das Ergriffensein, Anteros des Eros jün 
gerer Bruder. Der Geliebten zunächst gilt es, daß Liebe stark 
ist wie der Tod. Wie nur dem Weibe, nicht dem Manne die 
Natur es gesetzt hat, an der Liebe sterben zu dürfen. Was 
von der zwiefachen Begegnung des Menschen mit seinem 
Selbst gesagt wurde, gilt streng und allgemein nur dem 
Manne. Dem Weibe, und gerade dem weiblichsten am meisten, 
kann auch Thanatos in des Eros süßem Namen nahen. Des 
wegen, um dieses fehlenden Gegensatzes willen, ist ihr Leben 
einfacher als das des Mannes. Ihr Herz ist schon in den 
Schauern der Liebe festgeworden; es bedarf der Schauer des 
Todes nicht mehr. Ein junges Weib kann reif zur Ewigkeit 
sein, wie ein Mann erst wenn Thanatos seine Schwelle be 
schreitet. Den Tod der Alkestis stirbt kein Mann. Das Weib, 
einmal von Eros gerührt, ist, was der Mann erst in Fausts 
hundertjährigem Alter: bereit zur letzten Begegnung, — stark 
wie der Tod. 
Das ist, wie alle irdische Liebe, nur ein Gleichnis. Dem 
Tod, der als Schlußstein der Schöpfung allem Geschaffenen 
erst den unverwischbaren Stempel der Geschöpflichkeit, das
        

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