Full text: Der Stern der Erlösung

10 
ERSTER TEIL: EINLEITUNG 
tausend Nichtse, die, eben weil viele, Etwas sind. Die Vielheit 
des Nichts, das von der Philosophie vorausgesetzt wird, die 
nicht aus der Welt zu bannende Wirklichkeit des Todes, die 
sich in dem nicht zu schweigenden Schrei seiner Opfer 
verkündet, sie macht den Grundgedanken der Philosophie, 
den Gedanken des einen und allgemeinen Erkennens des 
All zur Lüge, noch ehe er gedacht ist. Das dritthalb- 
tausendjährige Geheimnis der Philosophie, das Schopenhauer 
an ihrem Sarg ausgeplaudert hat, daß der Tod ihr Musaget 
gewesen sei, verliert über uns seine Macht. Wir wollen keine 
Philosophie, die sich in die Gefolgschaft des Todes begibt und 
über seine währende Herrschaft uns durch den All- und Ein 
klang ihres Tanzes hinwegtäuscht. Wir wollen überhaupt keine 
Täuschung. Wenn der Tod Etwas ist, so soll uns fortan keine 
Philosophie mit ihrer Behauptung, sie setze Nichts voraus, 
den Blick davon abwenden. Schauen wir doch jener Behaup 
tung näher ins Auge. 
War die Philosophie denn nicht schon durch jene ihre 
»einzige« Voraussetzung, sie setze nichts voraus, selbst ganz 
voller Voraussetzung, ja selber ganz Voraussetzung? Immer 
wieder lief doch das Denken den Abhang der gleichen Frage, 
was die Welt sei, hinan; immer wieder ward an diese Frage 
alles andere etwa noch Fragwürdige angeschlossen; immer 
wieder endlich wurde die Antwort auf die Frage im Denken 
gesucht. Es ist, als ob diese an sich großartige Voraussetzung 
des denkbaren All den ganzen Kreis sonstiger Fragmöglich 
keiten verschattete. Materialismus und Idealismus, beide — 
nicht bloß jener — »so alt wie die Philosophie«, haben gleichen 
Teil an ihr. Was ihr gegenüber Selbständigkeit beanspruchte, 
wurde entweder zum Schweigen gebracht oder überhört. Zum 
Schweigen gebracht wurde die Stimme, welche in einer Offen 
barung die jenseits des Denkens entspringende Quelle gött 
lichen Wissens zu besitzen behauptete. Die philosophische Ar 
beit von Jahrhunderten ist dieser Auseinandersetzung des 
Wissens mit dem Glauben gewidmet; sie kommt zum Ziel in 
dem gleichen Augenblick, wo das Wissen vom All in sich
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.