Full text: Der Stern der Erlösung

ZWEITER TEIL: ERSTES BUCEI 
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erste Augenblick ist ja der des intransitiven »es war«, der 
dunkelstummen Eigenschaftlichkeit der Dinge wie der Tat; 
aber im zweiten Augenblick bricht nach dem Schöpfungswort 
der ganzen Schöpfung als erstes Tatwort in der Schöpfung 
hervor das »Gott sprach«. Und als erstes sichtbares, wenn 
auch noch stummes Eigenschaftswort in der Schöpfung das 
»Licht«. Und in dem Satz, den Gott spricht, erscheint zum 
ersten Mal unter aller Vergangenheit die Gegenwart, unter 
allen ruhenden Indikativen die Plötzlichkeit des Imperativs: 
»es werde«. Und dennoch diese Gegenwärtigkeit und diese 
Plötzlichkeit noch gebunden in die Es=Form des reinen Ge 
schehens. Gott spricht, aber sein Wort ist noch als ob etwas 
in ihm spräche, nicht er selber. Sein Wort ist wie eine Weis 
sagung seines künftigen Seibersprechens; aber er spricht noch 
nicht selber, noch nicht als Selbst. Wesenhaft lösen sich aus 
seinem Wesen, ein Es aus einem Es, die Worte der Schöpfung. 
Bis er zur letzten Schöpfertat den Mund öffnet und spricht: 
»Lasset uns einen Menschen machen«. »Lasset uns« — zum 
ersten Mal ist der Bann der Objektivität gebrochen, zum ersten 
Mal ertönt aus dem einzigen Munde, der bisher in der 
Schöpfung redet, statt eines »es« ein Ich, und mehr als ein Ich, 
mit dem Ich zugleich ein Du, ein Du welches das Ich zu sich 
selbst spricht: »Lasset« »uns«. Ein Neues ist aufgegangen. 
Ein Neues? Ist es nicht der gleiche, der spricht, wie bisher? 
Und ist es nicht das gleiche, was er spricht, wie das was vor 
her von ihm erzählt wurde? ein. aus dem Selbst persönlich 
hervorgehendes Machen, wie es doch auch in »er schuf« und 
so fort behauptet wurde? Behauptet allerdings; aber wollte 
es bisher laut werden, so verhallte es zum »es«; nun bleibt 
es persönlich, nun spricht es »Ich«. Wirklich »Ich«? Hier 
stoßen wir an die Grenze, die uns mahnt, daß wir auch am 
sechsten Tag noch in der Schöpfung stehen, und noch nicht 
in der Offenbarung. 
Gott sagt, solange er noch im Schaffen ist, nicht »Ich«, er 
sagt »Wir«, und ein absolutes, allumfassendes Wir, das kein 
Ich außer sich meint, der Plural der absoluten Majestät. Ein
        

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