Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: ERSTES BUCH 
Indem so der Idealismus auf seinem Höhepunkte sich völlig 
unter die Gewalt seines eigenen Gemachtes, der Logik gab, 
mußte er doch selber spüren, wie ihm die Fühlung mit dem 
lebendigen Dasein, das zu begründen und zu begreifen er sich 
unterwunden hatte, verloren ging. Ins unter» und vorwelt 
liche Schattenreich der Logik hinabgesunken, suchte er sich 
einen Zugang zur Oberwelt offen zu halten. Im selben Augen 
blick, wo die Philosophie aus dem Paradies des Vertrauens 
auf die Sprache ausgetrieben wurde — der Sündenfall war 
auch hier, daß sie der eigenen Weisheit mehr vertraute als 
der sichtbar sie umfangenden Schöpfermacht Gottes —, im 
gleichen Augenblick also, wo sie das Vertrauen zur Sprache 
verlor, das selbst ihre kritischen Vorläufer aus England 
noch etwas besessen hatten, hielt sie Ausschau nach Er 
satz. An Stelle des geschaffenen Gottesgartens der Sprache, 
in dem sie ohne das Mißtrauen und die Hintergedanken der 
Logik gelebt hatte, und den sie durch eigene Schuld verlassen 
mußte, suchte sie nach einem Menschengarten, einem Men 
schenparadies. Es mußte ein Garten sein, den der Mensch 
selbst gepflanzt hätte und der doch nicht sein bewußtes Werk 
wäre; denn wäre er das, so hätte er keinen Ersatz für den 
verlorenen Garten bieten können, den Gott selber gepflanzt 
hatte. Wie jener verlorene Garten mußte es einer sein, der 
den Menschen umgab, er selber wußte nicht woher; er mußte 
ihn wohl gepflanzt haben, aber er durfte es selber nicht 
wissen; er mußte sein Werk sein, aber sein bewußtloses, alle 
Zeichen zweckvoller Arbeit tragen und doch zwecklos ent 
standen sein, gewirktes Werk und doch pflanzenhaft gewach 
sen. So kam es, daß der Idealismus in dem Augenblick, wo er 
die Sprache verwarf, die Kunst vergötterte. 
NocI] nie hatte die Philosophie das getan. Wohl hatte sie 
in der lebendigen Schöne das Werk Gottes erschaut, bei 
Platon, Plotin, Augustin und weniger bewußt noch bei man 
chen andern; aber der Idealismus erhob von vornherein nicht 
das lebendige Schöne überhaupt, sondern die »schöne Kunst« 
auf den Schild. Die Kunst, so lehrte er, war das sichtbare
        

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