Full text: Der Stern der Erlösung

136 
ZWEITER TEIL: EINLEITUNG 
gegebene, ja wissenschaftlich der einzig mögliche Philoso 
phierende der neuen Philosophie. Die Philosophie verlangt 
heute, um vom Aphorismus frei zu werden, also geradezu um 
ihrer Wissenschaftlichkeit willen, daß »Theologen« philoso 
phieren. Theologen freilich nun ebenfalls in einem neuen 
Sinn. Denn wie sich nun zeigen wird, ist der Theologe, nach 
dem die Philosophie um ihrer Wissenschaftlichkeit willen ver 
langt, selber ein Theologe, der nach der Philosophie verlangt 
— um seiner Ehrlichkeit willen. Was für die Philosophie eine 
Forderung im Interesse der Objektivität war, wird sich für die 
Theologie erweisen als eine Forderung jm Interesse der Sub 
jektivität. Sie sind aufeinander angewiesen und erzeugen so 
miteinander einen neuen, zwischen Theologie und Philosophie 
gestellten, sei es nun Philosophen- oder Theologentyp. Uber 
ihn müssen wir auch hier noch uns das letzte für später ver- 
sparen. Hier wenden wir uns erst, damit zugleich auf unser 
eigentliches Thema zurückkommend, dem Bedürfnis zu, das 
die neue Theologie nach Philosophie trägt, und das jenem 
schon behandelten Bedürfnis der Philosophie entgegenkommt. 
Die Theologie hatte es, wie wir sahen, seit ihrer neuen 
Wendung vor rund hundert Jahren versucht, ohne auctoritas 
zu leben; denn die »historische Theologie« galt ihr als die 
Polizeitruppe gegen Angriffe, die ihrem lebendigen Gegen 
wartsbewußtsein etwa aus der »toten Vergangenheit« des 
verbum scriptum oder auch der ecclesia visibilis drohten; aber 
nicht als positive, erkenntnismäßige Begründerin ihrer Wahr 
heit, nicht als auctoritas. So spielte sie eine Rolle, etwa ver 
gleichbar der Rolle der Philosophie in der Scholastik, die auch 
den Glauben wesentlich nach außen umgab, sei es als Summa 
contra gentiles zur Abwehr von Angriffen, sei es als Summa 
theologica zur Eroberung von geistigem Neuland für den 
Glauben; auctoritas aber war nicht sie, sondern die sichtbar 
daseiende Kirche selbst, wie für Luthers Glauben später das 
verbum scriptum, das sie sollen lassen stahn und das er auf 
den Tisch vor sich hinschrieb. Auch Luther umgab seinen
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.